15.000 Teilnehmer beim Sternmarsch gegen die neue Regierung in Berlin
05.11.05 - Von drei Sammelpunkten aus starteten heute um 11.00 Uhr in Berlin bunte und kämpferische Demonstrationszüge. Aus ganz Deutschland waren Teilnehmer gekommen, um dem Chaos und der zukünftigen Regierung in Berlin den Kampf anzusagen. Darunter Aktivisten fast aller Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV, Mitglieder von Erwerbsloseninitiativen, Gewerkschafter der IG Metall, der IG BAU, IG BCE und von ver.di mit ihren Fahnen, Kolleginnen und Kollegen unter anderem der verschiedenen Opel-Werke, von DaimlerChrysler, Ford in Köln, VW, Bosch, der DSK sowie Auszubildende von BASF. Bereits am Anfang hatte sich dem Zug der Teilnehmer aus Ostdeutschland und Berlin eine große Delegation von Samsung-Kollegen angeschlossen, die bereits auf den Sternmarsch gewartet hatten. Dabei waren aber auch Mitglieder von Migranten- und Frauenorganisationen, von ATTAC sowie von politischen Parteien wie der MLPD, der Linkspartei.PDS und der WASG.
In den einzelnen Demozügen und ihren oft nach den Herkunftsorten zusammengesetzten Blocks herrschte vom Anfang an eine Bombenstimmung, eingeheizt durch zahlreiche Musik- und Trommelgruppen, einfallsreiche Parolen, Lieder und Kurzreden. Die Begeisterung und Kampfentschlossenheit der Teilnehmer übertrug sich auf die Passanten und Zuschauer. Viele blieben stehen, schauten von ihren Fenstern aus zu oder liefen zuerst am Rand mit. In Gesprächen wurde deutlich, wie tief viele diese Demonstration bewegte. Oft hörte man: "Ich bin mit dem Herzen ja auch dabei." Die Sympathie der Menschen für den Sternmarsch war so groß, dass er bis zum Schluss auf mehr als das Doppelte der anfänglichen Teilnehmer anschwoll.
Gegenüber "rote fahne news" brachten viele Teilnehmer zum Ausdruck, wie "überwältigt" sie davon waren, wie lebendig die so oft totgesagte Bewegung gegen Hartz IV ist. Ein 50-jähriger Gelsenkirchener Teilnehmer: "Ich finde es großartig, dass trotz des Wetters so viele Leute gekommen sind. Mein Eindruck ist, dass die Leute einfach mit der Politik nicht mehr einverstanden sind und das auch auf die Straße tragen. Und wenn die Politiker jetzt nicht reagieren, dann müssen sie aufpassen, dass das Volk nicht noch unregierbarer wird."
Die heutige Demonstration ist auch ein Sieg über die Medienzensur im Vorfeld und zahlreiche Unkenrufe, wie dass es noch "zu früh" für eine solche Kampfansage sei, die Regierung noch gar nicht konstituiert sei usw. Allerdings konnten auch die bürgerlichen Medien ihre Totschweige-Taktik nicht durchhalten und kündigten seit dem Vortag meist die Demo an. Die Vielfalt der Redner zu den Auftaktkundgebungen und der Abschlusskundgebung machten deutlich, wie die Breite des Spektrums und die Einheit der verschiedenen Kräfte der Bewegung gegen Hartz IV und die volksfeindliche Berliner Politik gewachsen ist. Fanden vor einem Jahr nach der schädlichen Spaltung der Montagsdemo-Bewegung noch zwei Großdemonstrationen in Berlin am 2. und 3. Oktober 2004 statt, war es jetzt wieder eine gemeinsame.
Nach Karl-Heinz Strohmeier als Vertreter der bundesweiten Montagsdemo-Bewegung sprachen bei der Abschlusskundgebung Bernhard Fischer, Sprecher des IG-Metall-Vertrauenskörpers von Infineon Dresden, der ein Grußwort der Münchner Infineon-Kollegen vortrug, Heinz Preuß vom PDS-Parteirat, Martin Behrsing als Vorsitzender der Erwerbsloseninitiativen, der bereits letzte Woche bei der Fernsehsendung "Christiansen" für den Sternmarsch geworben hatte, Volkmar Schöne, Ver.di-Betriebsgruppensprecher Berlin Friedrichshain/Kreuzberg, je ein Vertreter der ATIF und der Anatolischen Föderation, Merav Blumenthal vom Leverkusener Kreis in der WASG, Johannes Brückner vom Jugendverband REBELL, Roswitha Müller von der Anti-Hartz-Bewegung NRW, Rolf Mathies, Mitglied der Bereichs-Vertrauenskörperleitung bei DaimlerChrysler Sindelfingen, Peter Weispfenning, Mitglied des ZK der MLPD und Birgit Kühr, Montagsdemo Angermünde und Brandenburg.
Betont wurde in den Reden, dass es nun darauf ankommt, mit einer solidarischen Streitkultur daran zu arbeiten, dass diese gewachsene Breite und Einheit weiter vorankommt. Es wurde dazu aufgerufen, die noch vorhandenen Gräben zu schließen und auf gleicher Augenhöhe zusammen zu arbeiten. Davon und von der deutlich gewordenen Zuversicht, dies auch zu schaffen, geht zweifellos ein wichtiges Signal an die örtlichen Montagsdemonstrationen aus.
