Warum wir Musik brauchen (Teil 4)
4. Wie die proletarische Musik in Deutschland begann
Nicht nur die aufstrebende Klasse des Bürgertums entwickelte ihre eigene Musik, die ihrem Lebensgefühl, ihrer Denkweise entsprach. Mit der Industrialisierung, mit der rasch wachsenden Ausbeutung von immer mehr Arbeitern erstarkte in Europa im 19. Jahrhundert das Bürgertum, aber es bildete sich auch das in den vielen neu errichteten Fabriken zusammengeschlossenen Proletariat als neue Klasse heraus.
Die Arbeiter in Deutschland kämpften an vorderster Front gegen den reaktionären Staat des Kaisers Friedrich Wilhelm IV. und der Großgrundbesitzer. Aber ihre Ziele waren weitergehend als die des Bürgertums. Sie führten den Kampf zur Verbesserung ihrer Lage auch gegen die sie ausbeutende bürgerliche Klasse. In den dunklen und lauten Fabrikhallen herrschte strengste Disziplin und es gab drakonische Strafen bei Verstößen gegen die von den Fabrikherren diktierten Regeln. Die Zustände waren oft unmenschlich und in den Spinnereibetrieben z. B. waren drei Viertel der Beschäftigten Kinder. Der Wunsch nach der Abschaffung der Ausbeutung griff im entstehenden Proletariat um sich. Seine Losung war nicht mehr: "Alle Menschen sind Brüder", sondern wurde von Marx und Engels im kommunistischen Manifest von 1848 wissenschaftlich auf den Punkt gebracht: "Proletarier aller Länder vereinigt euch!"
Das erste Lied der politisch organisierten deutschen Arbeiterbewegung "Bet' und arbeit" entstand 1863:
"Bet' und arbeit!" ruft die Welt.
Bete kurz, denn Zeit ist Geld!
An die Türe pocht die Not,
bete kurz, denn Zeit ist Brot!
Und du ackerst und du säst,
und du nietest und du nähst,
und du hämmerst und du spinnst,
sag, o Volk, was du gewinnst?
Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
schürfst im Erz- und Kohleschacht,
füllst des Überflusses Horn,
füllst es hoch mit Wein und Korn.
Alles ist dein Werk! O sprich,
alles, aber nichts für dich!
Und von allem nur allein,
die du schmiedst, die Kette dein!
Mann der Arbeit, aufgewacht,
und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
wenn dein starker Arm es will!
Brecht das Doppeljoch
entzwei!
Brecht die Not der
Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit,
Freiheit Brot!
(Text: Georg Herwegh Musik: Peter Hinz)
Die Bourgeoisie begrüßte es natürlich in der Revolution 1848, dass die Arbeiter mit ihnen gegen den Adel und für eine Republik eintraten. Aber sie fürchtete andererseits das erstarkende Proletariat und ließ den Fürsten viele Rechte.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchsen die Arbeiterbewegung, ihre Kultur und die 1863 gegründete - damals noch revolutionäre - SPD rasch an. Jetzt zeigte sich, was es mit den bürgerlichen Grundsätzen der Gleichheit und Freiheit unter einer Herrschaft der Bürger im Verbund mit dem Adel auf sich hatte: Der Reichskanzler Bismarck erließ 1878 die so genannten Sozialistengesetze, mit denen die SPD und die Gewerkschaften verboten wurden. Mit massivem Druck und Terror wurde gegen die Arbeiterklasse, ihre Organisationen und auch ihre Kultur vorgegangen. Genauso wie Ende des 18. Jahrhunderts Bürger und Studenten von Polizeiterror und richterlicher Gewalt bedroht waren, wenn sie beim Singen des Liedes "Die Gedanken sind frei" erwischt wurden, so zeigten die jetzt herrschenden Bürger gegenüber der neu aufstrebenden Arbeiterklasse offen ihre Unterdrückung. Das Singen revolutionärer Arbeiterlieder verbot eine strenge Zensur.
Unter Bismarcks "Sozialistengesetze" wuchs die SPD jedoch stark an und es entstanden in diesen und den folgenden Jahren viele heute noch bekannte kraftvolle Arbeiterlieder: "Die Arbeitsmänner" (1870), die "Warschawjanka" (1883), "Dem Morgenrot entgegen" (1907), auch die deutsche Nachdichtung der "Internationale" (1910) und viele andere.
Demgegenüber entwickelte sich die bürgerliche Kultur zurück, die Blüte der bürgerlichen klassischen Musik ging zu Ende. Es gelang den bürgerlichen Komponisten kaum noch, neue Werke von massenwirksamer Bedeutung zu entwickeln, die neuen Kompositionen wurden zusehends blutärmer und ihre Kompositionen verkamen im 20. Jahrhundert manchmal bis zur leeren intellektuellen Formspielerei. Das hatte letztlich seinen Grund nicht in der mangelnden Fähigkeit der Komponisten und Musiker, sondern darin, dass die Inhalte, die Grundprinzipien der bürgerlichen Ideologie der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer offensichtlicher widersprachen, der bürgerliche Staat sich als Staat der Ausbeutung und Unterdrückung erwies. Bis heute erschöpft sich die bürgerliche Musik daher häufig in der Pflege und Wiedergabe der oft großartigen Werke aus der Zeit als die Bourgeoisie eine aufstrebende Klasse war.
