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Warum wir Musik brauchen (Teil 7)


7. Warum wir für fortschrittliche Musik selbst sorgen müssen

In der Zeit nach dem II. Weltkrieg ging es dem imperialistischen Weltsystem zunächst darum, Westdeutschland als Speerspitze gegen die damals noch sozialistische Sowjetunion auszubauen. Jede fortschrittliche Bewegung wurde unter dem reaktionären Kanzler Adenauer massiv unterdrückt, über Medien und Schulen offener Antikommunismus verbreitet und die KPD 1956 verboten. Rückwärts gewandt blieb auch das öffentliche Kulturangebot und so wandten sich viele Jugendliche den neuen, faszinierenden Klängen aus den USA zu. Die gingen auch einher mit neuen technischen Entwicklungen, mit denen man Musik hören und machen konnte: Radio, Plattenspieler, Verstärker, Elektrogitarre usw. (siehe dazu auch Teil 5 der Serie in "Rote Fahne" Nr. 5/04)
Mit dem ab 1956 beginnenden Prozess der Einführung bürokratisch-kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse in der Sowjetunion und in der DDR, dem Mauerbau 1961 wurden die internationale Arbeiterklasse und die fortschrittlichen Bewegungen weltweit schwer getroffen. Mit ihrer Propaganda vom "realen Sozialismus" brachten die SED und die KPD/DKP in Deutschland dann die Idee des Sozialismus nachhaltig in Misskredit und damit auch die proletarische Kultur und ihre Lieder.

Die offene Unterdrückung verfehlt ihre Wirkung
Eine breite politische Bewegung entwickelte sich ab 1966 vor allem unter der Jugend
gegen den Krieg der USA gegen das vietnamesische Volk.
Zwei Millionen Vietnamesen wurden getötet, 56 000 US-Soldaten kamen im Sarg in die Heimat zurück. Das führte auch zu einer weitgehenden Politisierung vieler Rock- und Pop-Bands. Lieder wie "We shall overcome" (Wir werden durchkommen, sie überwältigen) oder "Blowing in the wind" (Vom Wind verweht) waren meist kleinbürgerlich-pazifis-
tisch geprägt. Trotzdem wurden sie als Gefahr für die Regierungspolitik eingestuft und weitgehend aus den öffentlichen Medien in den USA, aber auch in der BRD verbannt. Die Lieder wurden trotzdem durch ihre Verbreitung auf Massendemonstrationen, in großen Konzerten und auf Schallplatten, die sich eine wachsende Masse Jugendlicher leisten konnten, zu einem starken kulturellen Mittel des Zusammenschlusses der internationalen Friedensbewegung.
In Deutschland verband sich die Bewegung gegen den Vietnamkrieg mit dem Kampf gegen die Einführung der Notstandsgesetze in das Grundgesetz und mit der "68er"-Studentenbewegung. Es gab bei Jugendlichen vieler Länder
eine Stimmung für Rebellion. Sie war meist kleinbürgerlich geprägt und ignorierte weitgehend die Rolle der Arbeiterklasse in der Gesellschaft und blieb so bei blinder Rebellion. Die Berliner Rockgruppe "Ton, Steine, Scherben" schrieb in diesem Tenor das Lied: "Macht kaputt, was euch kaputt macht!".
In Westdeutschland wurde Ende der 60er Jahre mit dem Aufbau einer revolutionären Partei neuen Typs begonnen, die die Schlussfolgerungen aus der revisionistischen Entwick-
lung in den ehemals sozialis-
tischen Ländern zog. Damit begann auch eine neue Kulturarbeit. Der Kommunistische Arbeiterbund/Marxisten-Leninisten (KAB/ML), eine Vorläuferorganisation der MLPD, begann Anfang der 70er Jahre mit der Herausgabe einer Reihe von Liederheften unter dem Titel "Auf, auf zum Kampf", erste Schallplatten mit traditionellen, neuen und internationalen Liedern wurden aufgenommen. 1971 führte die Kulturgruppe "Roter Zünder" in mehreren Städten Süddeutschlands eine Revue mit Szenen und Liedern auf anlässlich des hundertsten Jahrestages der Pariser Kommune, dem ersten erfolgreichen Versuch einer proletarischen Revolution. 1972 trat beim 1. Mai-Umzug in Stuttgart ein mehr als 20-köpfiges Orchester des KAB/ML mit Arbeiterliedern auf. Allerdings blieb diese Kultur der jungen marxistisch-leninistischen Bewegung oft unkritisch der Tradition der Arbeiterkultur der 20er Jahre verhaftet - und wirkte darum nicht selten
sektiererisch.
Auch in den damaligen Kämpfen der Bevölkerung entwickelten sich Ansätze für eine neue kämpferische Kultur:
• Beim Kampf gegen die Atomkriegsgefahr und die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Europa, bei dem sich z. B. auch Bruce Springsteen beteiligte.
• Der Kampf gegen Atomkraftwerke im badischen Whyl und später gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf zu einem besonders breiten Volkswiderstand. Im Juni 1986 beteiligten sich über 200.000 Menschen an einem Aktionstag.
• Ende der 70er Jahre begann die Bewegung "Rock gegen rechts". Sie leistete einen wichtigen Beitrag, um besonders bei Jugendlichen den Einfluss faschistischer Organisationen und ihres Gedankenguts zurückzudrängen. In diesem Zusammenhang wuchs auch die kleinbürgerlich-anarchistische Punkbewegung an, gefördert z. B. durch die "Toten Hosen". In den 90er Jahren engagierten sich dann viele Musiker - auch "BAP", Udo Lindenberg und viele andere - gegen neofaschistische Umtriebe. Beim "Arsch hoch"-Konzert kamen über 100 000 Antifaschisten zusammen und zeigten auch hier: Die Jugend steht links!
In den 80er Jahren nahmen in der DDR Liedermacher, Rock- und Popbands immer offener gegen Erscheinungen der Bürokratenherrschaft Stellung. Wolf Biermann wurde den SED-Funktionären zu unbequem und wurde deshalb kurzerhand von ihnen aus der DDR ausgebürgert. Allerdings avancierte er seitdem als aggressiver und demagogischer Kronzeuge des modernen Antikommunismus zum Liebling der bürgerlichen Massenmedien im Westen.

Aufgesaugt vom System der kleinbürgerlichen Denkweise
Heute ist die Hauptmethode der Herrschenden nicht unbedingt mehr die offene Unterdrückung kleinbügerlich-fortschrittlicher Kultur: Immer raffinierter und schneller werden solche Ansätze in das international wirkende System der kleinbürgerlichen Denkweise integriert. Beispielhaft dafür ist der Hiphop, der als Ausdruck blinder Rebellion gegen die Zustände in den Ghettos der US-Städte entstand - und inzwischen gesponsert von den größten Medien- und Industriemonopolen weltweite Verbreitung im Sinne der Herrschenden findet.
So kam z. B. im Jahr 2002 der Film "Eight Mile" mit dem Rapper Eminem ins Kino. Er spiegelte zum Teil realistisch die Zustände in einem amerikanischen Armenviertel und zeigt in den Musiksequenzen vor allem die ausgeprägte Fähigkeit junger Musiker, Sprache mit Rhythmus und Rhythmus mit Sprache zu versehen. Der Inhalt der Lieder hat jedoch eine reaktionäre Moral: Du musst den anderen ausstechen, ihn noch besser beschimpfen und beleidigen als er dich! Kurz: Aus dem Ghetto kommst du nur heraus auf Kosten anderer, sonst hast du keine Zukunft. So betreibt die Hiphop-Kultur im Kern die Verbreitung des kapitalistischen Konkurrenzprinzips unter den Jugendlichen.
Die Erfahrung auf dem Gebiet der populären Musik nach dem II. Weltkrieg zeigt: Gerade bei neu entwickelten Musikrichtungen - von den Beatles über Punk-Rock bis zum RAP  und der dazu entwickelten Mode - wird von den Herrschenden das bei der Jugend vorhandene Gefühl der Unzufriedenheit, des Protestes usw. aufgegriffen. Es soll über die von ihnen beherrschten Medien so gesteuert werden, dass dieses Gefühl sich nicht massenhaft als bewusster Widerspruch zum bestehenden Profitsystem entwickelt. Als Hauptrichtung in der Denkweise wird versucht, stattdessen den kleinbürgerlichen Antiautoritarismus zu verankern. Er lähmt die Masse der Jugend, fördert die Anbetung der Spontaneität, die Ablehnung des selbstlosen Einsatzes für eine Gemeinschaft, er baut einen Damm gegen den Zusammenschluss zum gemeinsamen Kampf für die eigenen Zukunftsinteressen.
Eine aktuelle Methode der Verankerung der kleinbürgerlichen Denkweise sind auch die in den letzten Jahren zunehmenden Musik-Casting-Sendungen wie: "Deutschland sucht den Superstar". Hier wird auf musikalischer Ebene einem Millionenpublikum die Moral vorgeführt: "Du kannst den Aufstieg schaffen, ganz allein, wenn du nur gut genug bist". Diese Sendungen sind Bestandteil des Systems der kleinbürgerlichen Denkweise, mit dem vom gemeinsamen Kampf abgelenkt werden soll. Gesellschaftliche Probleme wie fehlende Ausbildungsplätze sind aber mit Rezepten wie "Jeder ist seines Glückes Schmied" nicht zu lösen. Für die große Mehrheit bleibt der Aufstieg ein Traum, der aber mit solchen Sendungen, mit Mode, Zeitschriften oder Filmen zum Lebensinhalt werden soll.
Inzwischen haben die internationalen Medienkonzerne Strategien zur weltweiten Vermarktung von Musik und Produkten durchgesetzt, mit denen sie die ganze Bandbreite des gesamten Mediengeschäftes beherrschen wollen. Da wird z. B. Shakira - eine Sängerin aus Kolumbien - mit einer spanisch-karibischen Musiktradition zu einem dann englisch-singenden weltweiten Star aufgebaut, bei dem die Musik eben nur der Aufhänger des millionenschweren Geschäfts ist mit Riesenkonzerten, CDs, Video-Clips, Mode, Zeitschriften, Fan-Clubs, Werbeverträge usw.
Es ist klar: für eine fortschrittliche Kultur und Musik, die sich für den gemeinsamen Kampf für bessere Lebensbedingungen eignet, müssen wir selbst sorgen, erst recht, wenn sie die Herrschaft der internationalen Monopole in Frage stellt. Sie wird aber gebraucht und wird entstehen auf der Straße, in den Gewerkschaften, in verschiedenen Selbstorganisationen, bei Veranstaltungen und Kongressen, beim Aufbau der MLPD und des REBELL.

(Fortsetzung Teil 8)

 

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