Sie sind hier: Startseite Archiv Arbeitsplatzvernichtung bei Herlitz geht weiter: Kämpferische Kollegen besonders im Visier

Arbeitsplatzvernichtung bei Herlitz geht weiter: Kämpferische Kollegen besonders im Visier


Berlin (Korrespondenz), 21.12.05: Wie in der "Roten Fahne" Nr. 42 vom 21. Oktober berichtet, wurde im September die Traditionsfirma Herlitz in Berlin durch den US-Finanzinvestor Advent International übernommen. In einem ersten Schritt wurden bereits knapp 80 Kollegen entlassen, darunter auch die Vertrauensfrau Heidi Schraner. Am Montag verkündete der Vorstand nun die nächsten Schritte, die schon lang von der Belegschaft in Sorge erwartet wurden. In allen Bereichen sollen Arbeitsplätze vernichtet und der bisherige Firmensitz in Berlin Tegel geschlossen werden, heißt es in der Montagsausgabe der Zeitung "Die Welt". In diesem Zusammenhang bekam nun auch der Verdi-Vertrauensmann Manuel Ludwig wieder seine Kündigung, mit der fadenscheinigen Begründung, nach 17 Jahren Betriebszugehörigkeit nicht mehr qualifiziert genug zu sein.

Die Herlitz-Gruppe gehört als eines der bekanntesten deutschen Traditionsunternehmen mit einem Jahresumsatz von 335 Millionen Euro (2004) zu den führenden Herstellern von Papier-, Büro- und Schreibwaren (PBS) in Europa. In Osteuropa ist Herlitz bereits heute Marktführer. (...) 2002 übernahm eine Bankengruppe, angeführt von der Deutschen Bank, die Aktienmehrheit und führte den Herlitz-Konzern in die Insolvenz. Was vom damaligen Berliner Wirtschaftssenator Gysi als hervorragende Chance für den Konzern angepriesen und später als Rettung von Herlitz in den Medien gefeiert wurde, kostete ein Drittel der Belegschaft ihre Arbeitsplätze und bedeutete für den Rest weitere Einschnitte wie längere und flexiblere Arbeitszeiten, Lohnabbau usw. Der ganze Logistikbereich wurde in einer eigenen Firma, der E-Com Logistik GMBH mit eigener Geschäftsführung und eigenen Tarifverträgen ausgegliedert.

Advent International wurde während der Kapitalismus-Debatte auf der Liste der so genannten "Heuschrecken" genannt. Gemeint sind damit Private-Equity-Firmen, auch Hedge-Fonds genannt, die kurzfristige Übernahmen tätigen, das Beste aus dem Konzernen heraus schneiden und nach ein paar Jahren gewinnbringend wieder verkaufen. Advent International ist seit 15 Jahren in Deutschland tätig und hat Beteiligungen in der Regel vier bis sieben Jahre gehalten. Doch das Tempo steigt: Ein Beispiel dafür ist der Bonner Elektrotechnikhersteller Moeller Holding. Die Übernahme erfolgte im Dezember 2003 durch Advent International. 2004 schloss das Unternehmen die Standorte Hersel bei Bonn mit rund 250 Arbeitsplätzen und Gummersbach mit rund 170 Stellen und verlagerte die Produktion größtenteils nach Osteuropa und Asien.

Im Oktober wurde auf einer Betriebsversammlung die Belegschaft von Herlitz auf den neuen Investor eingeschworen. Die Kollegen sollten beruhigt und ihnen mit Schlagworten wie "Investitionen" in die Produktion, neue Produkte, sowie der Eroberung neuer Märkte die Furcht vor angeblich "notwendigen Maßnahmen" genommen werden. Dabei war den Kollegen da schon klar, dass dies wohl wieder Entlassungen und Einbußen bedeuten wird. Unmut und Empörung stiegen in den letzten Wochen. Gleichzeitig gab es natürlich auch eine gewisse Hoffnung und entstand eine Abwartehaltung, da nichts Genaues bekannt gegeben wurde.  (...)

Heidi Schraner und Manuel Ludwig wurden schon einmal im Zusammenhang mit der Insolvenz gekündigt. Schon einmal versuchte die Geschäftsleitung, sich kämpferischer Kollegen zu entledigen und sie mundtot zu machen. Sie weiß, dass die beiden sich besonders für die Interessen der Kollegen eingesetzt haben und sich nicht einfach den Arbeitsplatz abkaufen ließen. Sie führten von Anfang an den Kampf um jeden Arbeitsplatz und nicht allein gegen ihre politische Kündigung. Erfolgreich konnten sie ihre Wiedereinstellung erkämpfen und werden auch jetzt nicht wieder klein bei geben. Am 20.12. findet der erste Prozess vor dem Arbeitsgericht für Heidi Schraner statt.

Ein Solidaritätskreis zur Unterstützung hat sich gegründet und machte bisher mit einem Flugblatt die Entlassung von Heidi Schraner breit bekannt. Ebenso sammelte er bisher über 200 Unterschriften. Er wird seine Arbeit in den kommenden Wochen noch intensivieren und eine Öffentlichkeitsarbeit entwickeln. Ebenso ist es notwendig, dass die Gewerkschaft Ver.di, die in beiden Betriebsteilen jeweils mit unterschiedlichen Fachbereichen vertreten ist, an einem Strang zieht. Es kommt besonders darauf an, die gewerkschaftliche Kampfkraft zu stärken und sich zu organisieren. Der Kampf um jeden Arbeitsplatz kann nur offensiv und von der Belegschaft selbst geführt werden. Nur wer kämpft, kann gewinnen!

 

Artikelaktionen
Entwickelt durch Mediengruppe Neuer Weg   powered by Plone   Kontakt: redaktion@rf-news.de