Politik

"Ermittlungen über Ulrike Meinhof": Jutta Ditfurth liest in Gelsenkirchen

29.11.09 - Am 7. Oktober 2009 wäre Ulrike Meinhof, Journalistin und Mitbegründerin der "Rote Armee Fraktion" (RAF) 75 Jahre alt geworden. Ihr mysteriöser Tod im Gefängnis Stuttgart-Stammheim im Mai 1976 ist bis heute nicht wirklich aufgeklärt. Sicher ist, dass der BRD-Geheimdienst - beschönigend "Verfassungsschutz" genannt - den Tod von Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe zumindest billigend in Kauf nahmen. Es sollten die Botschaft eines triumpierenden Staatsapparats verbreitet und weitere Vorwände für die Einschränkung der Rechte politischer Gefangener geschaffen werden.

Am 9. Dezember kommt die Soziologin, Autorin und linke Politikerin Jutta Ditfurth mit ihrer "Szenischen Lesung - Ermittlungen über Ulrike Meinhof" in den Kultursaal "Horster Mitte" nach Gelsenkirchen. Jutta Dithfurth hat ihre Biografie über Ulrike Meinhof eigenhändig recherchiert und nicht aus den dubiosen Quellen - unter anderem des BKA - abgeschrieben. Ihr Anspruch ist, die Mythen über Meinhof und die dahinterstehenden Interessen zu knacken und mit dem Publikum zu diskutieren.

Anlässlich der Fernsehausstrahlung von Bernd Eichingers Film "Der Baader-Meinhof-Komplex" wird in den Medien, unter anderem bei "Anne Will", einmal wieder viel über die RAF, ihre Entwicklung und Taten in den 1970er und 1980er Jahren diskutiert. Auf dem Hintergrund der verbreiteten Kapitalismuskritik unter den Massen wird im Film und in diesen Debatten suggeriert, dass das Engagement für einen grundlegenden Ausweg aus Ausbeutung und Unterdrückung unweigerlich im Desaster von individuellem Terror und staatlicher "Gegengewalt" ende.

Die MLPD und ihre Vorläuferorganisation, der KABD, haben in diesem Zusammenhang stets vor allem gegen die Aufrüstung des staatlichen Gewaltapparats unter dem Vorwand der sogenannten Terrorismusbekämpfung Stellung bezogen. Sie haben aber auch nachgewiesen, dass die RAF mit ihren anarchistischen Ideen, planlosen Aktionen und der vollkommenen Loslösung vom Denken, Fühlen und Handeln der Massen zum willenlosen Spielball des Staatsapparats geworden war und dem Befreiungskampf der Arbeiter und Völker dadurch objektiv auch Schaden zugefügt hat.

Lenin, den die Reaktionäre gerne als "geistigen Vater" der RAF bezeichnen, schreibt dazu unmissverständlich: "Zwischen dem Sozialismus und dem Anarchismus liegt ein tiefer Abgrund, den die Lockspitzel der Geheimpolizei oder die Zeitungsknechte der reaktionären Regierungen vergeblich als nicht vorhanden hinstellen möchten. Die Weltanschauung der Anarchisten ist eine umgestülpte bürgerliche Weltanschauung: Ihre individualistischen Theorien und ihr individualistisches Ideal sind das gerade Gegenteil vom Sozialismus" (Lenin, Werke, Bd. 10, S. 58/59).

Der Film zeigt, wie die Protestdemonstration gegen den Besuch des faschistischen Schahs in Berlin von Jubelpersern und Polizei brutal zusammengeprügelt wird, er zeigt die Napalm-Bomben des US-Imperialismus auf Vietnam, er zeigt, wie der damalige BKA-Präsident die Rasterfahndung erfindet, der Staatsapparat aufgerüstet wird, die Springer-Presse in wüster Hetze ein Klima von Angst und Schrecken erzeugt, die Zwangsernährung von Holger Meins und die brutalen Methoden der Isolationsfolter in Stammheim.

Nun aber unterstellt der Film, dass die losgelösten Aktionen der RAF "der Widerstand" gewesen sei. Das stimmt nicht. Tatsächlich hat 1975 das vietnamesische Volk im Befreiungskampf gesiegt, die Solidaritätsbewegung umspannte die ganze Welt. Im damals noch sozialistischen China hatte die Große Proletarische Kulturrevolution den Arbeitern und Völkern einen Weg gezeigt, eine Restauration des Kapitalismus zu verhindern - im Film zitiert Gudrun Ensslin Mao Tsetung, um den anarchistischen Terror zu rechtfertigen. Gerade Mao Tsetung hatte in Theorie und Praxis den größten Wert darauf gelegt, dass die revolutionäre Gewalt von den Volksmassen ausgehen und die Zeit dafür reif sein muss.

Die Enthüllung, dass der Polizist, der die Todesschüsse auf Benno Ohnesorg abgegeben hatte, möglicherweise Mitarbeiter der Stasi war, wird groß herausgestellt - nun kommt Stück für Stück die Verstrickung der BRD-Geheimdienste heraus. Hier hat Michael Buback, der Sohn des von der RAF getöteten Generalbundesanwalts Siegfried Buback nicht locker gelassen und in seinem Buch "Der zweite Tod meines Vaters" nachgewiesen, dass die Spuren dafür bewusst verwischt worden sind.

Ein Teil der Akten liegt nach wie vor unter Verschluss, darunter die über eine mutmaßliche Zusammenarbeit von Verena Becker mit dem "Verfassungsschutz". Der Innenminister der großen Koalition und jetzige Finanzminister, Wolfgang Schäuble, verweigerte strikt jede Akteneinsicht für Untersuchungsausschüsse und Medien - der jetzige Innenminister, Thomas de Maizière, hat daran bislang nichts geändert.  

Diese Zusammenhänge werfen eine Menge kritischer Fragen auf - keineswegs nur über die Geschichte, sondern über die heutige Rolle der Geheimdienste. Diese gehören zu den Instrumenten der Monopole, um Widerstand gegen ihre Politik und künftige revolutionäre Entwicklungen zu unterdrücken. 1998 gab der damalige Bundeskanzler Schröder die Ausrichtung für die veränderte Rolle des BND: er müsse ein "effizientes und flexibles Dienstleistungsunternehmen für die Bundesregierung werden". Diese Rolle erfüllte jetzt aktuell der Landesverfassungsschutz Berlin, der eine Studie veröffentlichte, wonach der "Linksextremismus" von den Behörden bisher vernachlässigt worden sei und sehr viel stärker ins Visier genommen werden müsse. 

Die antikommunistische Stoßrichtung der aktuellen RAF-Debatte muss zurückgewiesen und für den wirklich revolutionären Befreiungskampf geworben werden!

 

Veranstaltungs-Tipp

Szenische Lesung von Jutta Ditfurth

Mittwoch, 9. Dezember 2009, 19.00 Uhr (Einlass 18.00 Uhr)

Kultursaal Horster Mitte

Gelsenkirchen-Horst
Schmalhorststraße 1
gegenüber Schloss Horst
(Bus- und U-Bahn-Haltestelle)

Eintritt 12 Euro, ermäßigt 6 Euro

Veranstalter: Schacht III und Arbeiterbildungszentrum e.V.

Kartenreservierung unter Tel. 0209-57975
E-Mail: abz-gelsenkirchen@t-online.de