Betrieb und Gewerkschaft

Daimler Sindelfingen: "Die Aktionen müssen weiter gehen - wir müssen richtig streiken!"

Daimler Sindelfingen: "Die Aktionen müssen weiter gehen - wir müssen richtig streiken!"

Sindelfingen (Korrespondenz), 01.12.09: Um 9 Uhr heute früh vor Tor 7 - immer mehr Kollegen strömen heraus. Am Ende sind es sicherlich gut 15.000, die hören wollen, wie es weiter geht im Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze im größten Montagewerk Daimlers in Sindelfingen. Der Betriebsrats-Vorsitzende Erich Klemm meint, dass noch nie so viele Kollegen auf diesem Platz gestanden hätten. Sehr viele Azubis sind gekommen - deren Übernahme auch unsicher ist -, aber auch Delegationen aus anderen Werken, z.B. von Stuttgart-Untertürkheim und anderen Betrieben der Region wie Bosch und Porsche. Dieser Zusammenschluss ist wichtig, da der Kampf gegen die Arbeitsplatzvernichtung alle betrifft.

In einer Extra-Ausgabe der Kollegenzeitung "Die Stoßstange", die sehr gut und breit aufgenommen wird, heißt es dazu: "Auch bei Daimler mehren sich die Anzeichen dafür, dass der Vorstand die Krise nutzt für eine Umstrukturierung der Automobilproduktion ... In allen Werken haben die Kollegen Sorgen um ihre Arbeitsplätze! Es geht also nicht nur um die C-Klasse, sondern um einen umfassenden Angriff auf alle Werke. Wir dürfen uns nicht erpressen oder ausspielen lassen gegen anderen Werke! Wir brauchen unsere Arbeitsplätze für uns und unsere Kinder! Keine Vernichtung von Arbeitsplätze nirgendwo - weder hier, noch in Bremen, aber auch nicht in Südafrika oder USA!"

Daimler Sindelfingen 2Viele Redner, allerdings gibt es nur einmal richtig Beifall: als der Betriebsrats-Vorsitzende von Porsche, Uwe Hück, sich zu dem Ausruf versteigt, "notfalls Revolution für sichere Arbeitsplätze", denn das trifft die Stimmung vieler, auch wenn sie Hück berechtigt nicht über den Weg trauen. Denn sichere Arbeitsplätze gibt es nur, wenn der Kapitalismus abgeschafft und eine sozialistische Gesellschaft aufgebaut wird, und das will gerade Hück unter gar keinen Umständen.

Er spricht wie alle anderen nicht über weitergehende Forderungen, selbst konkrete Kampfmaßnahmen bleiben außen vor, außer einer, die Klemm am Ende nennt: falls heute doch eine Entscheidung des Daimler-Vorstands fallen solle, gäbe es morgen eine erneute Betriebsversammlung. Einige Kollegen sind sauer, dass nicht schon auf der gestrigen Betriebsversammlung Konkreteres diskutiert worden wäre, einer meint: "Die Aktionen müssen weiter gehen, egal, ob es regnet oder schneit. Wenn wir jetzt aufgeben, haben wir verloren. Wir müssen auch richtig streiken."

Viele Kollegen denken und sagen ähnliches, zwei Azubis: "Die meisten von den Azubis sind dabei, es geht ja um unsere Zukunft. Wir sind auch bereit, richtig zu streiken." Nicht umsonst gehen Exemplare der Streikrecht-Broschüre der MLPD weg wie warme Semmeln. Dennoch ist auch noch Verhaltenheit zu spüren, denn zu einem richtigen Streik gehört eine Führung und das wird und kann nicht die Betriebsrats- oder Gewerkschaftsspitze sein.

Daimler Sindelfingen 3Wichtig für die Entwicklung der Solidarität ist, dass bereits eine Solidaritätsadresse aus dem Bremer Werk eingetroffen ist. Daher war die Erstellung einer Solidaritätscharta aller Daimler-Belegschaften auf dem Automobilarbeiterratschlag ein großer Erfolg. Jetzt ist die Forderung und Durchführung eines konzernweiten Aktionstages ein guter nächster Schritt für den Zusammenschluss der Kollegen über den Standort hinaus. Da müssen auch die Kollegen der Zulieferer aus der Region mehr mit einbezogen werden, denn auch bei denen stehen bis zu 2.000 Arbeitsplätze direkt auf dem Spiel. Und überhaupt auch die Bevölkerung vor allem aus Sindelfingen, die bereits einen Kampf begonnen hat gegen die kommunale Streichliste, die ihre Ursache wesentlich in der Rückzahlung von 80 Millionen Euro Gewerbesteuer an Daimler hat. Es werden spannende Zeiten!