Betrieb und Gewerkschaft

Sindelfingen: 15.000 Daimler-Arbeiter demonstrieren am Vormittag

Sindelfingen: 15.000 Daimler-Arbeiter demonstrieren am Vormittag

04.12.09 - Heute morgen um 10 Uhr zogen rund 15.000 Kolleginnen und Kollegen der Früh- und Normalschicht aus dem Haupttor von Daimler zur Stadtmitte von Sindelfingen. In einer Korrespondenz aus Sindelfingen wird berichtet: "Der Schlachtruf vom Dienstag 'C bleibt hier!' wurde noch übertroffen von Rufen 'Zetsche raus!', die auf der Kundgebung bestimmend waren. Die Parole 'Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die C-Klasse klaut' wurde von vielen Kollegen am Offenen Mikrofon der MLPD mitgerufen. Neu war, dass auch der Ruf 'Berlin, Berlin - wir fahren nach Berlin!' von den Kollegen angestimmt wurde, was die Politisierung in diesem Kampf ausdrückt. Mehrere Stunden wurde für die Teilnahme an Demonstration und Kundgebung die Arbeit niedergelegt.

Daimler Sindelfingen 2Eine ganze Reihe von Kollegen drängen auf einen permanenten Streik und entwickeln eine zunehmende Kritik daran, wie dieser Kampf von der Betriebsratsspitze und örtlichen IG-Metall-Führung unterlaufen wird. Insbesondere der Konzernbetriebsratsvorsitzende Erich Klemm gerät bei immer mehr Kollegen in die Kritik. Auf der Versammlung propagierte er nur noch Wundsälbchen wie die plötzlich für das Wochenende eingeleiteten Verhandlungen zu einer 'Beschäftigungssicherung'. Kein Wort mehr von ihm zur C-Klasse außer: 'Herr Zetsche soll am Montag auf den Betriebsversammlungen seinen Beschluss begründen.'

Um den selbständigen Kampf zu unterminieren, sind für Montag für alle drei Schichten außerordentliche Betriebsversammlungen angesetzt worden. Inzwischen wird in den Abteilungen massiver Druck gemacht, um die Kollegen in den Phasen außerhalb der gewerkschaftlichen Aktivitäten zum Arbeiten zu bringen. Es wird auch mit Maßregelungen gedroht, um die Belegschaft einzuschüchtern.

Daimler Sindelfingen 3Viele beklagten sich bitter darüber, dass heute morgen vor dem Demozug in die Stadt gearbeitet wurde. 'Wie soll man da arbeiten, wenn nachher die Arbeitsplätze weg sind? Wir müssen etwas tun!' Über das 'Wie' gibt es einen heftigen Kampf unter den Kollegen: einerseits die Wut auf den Vorstandsbeschluss und die Kritik an der Klassenzusammenarbeitspolitik der Betriebsratsspitze und rechten IGM-Führung, zugleich aber auch Bedenken, ob man den Vorstandsbeschluss durch den Kampf der Arbeiter noch kippen kann. Tatsächlich haben die Daimler-Chefs Angst vor einem entschlossenen selbständigen Streik. Das deutet ein Artikel in der 'Stuttgarter Zeitung' von heute an. Er titelt mit 'Konflikt bei Daimler spitzt sich zu' und in großen Buchstaben 'Außer Kontrolle'. Im Innenteil heißt es dann: 'Wir befinden uns kurz vor der Explosion.' 

Daimler Sindelfingen 4Die MLPD trat unter anderem mit dem offenen Mikrofon während der Demonstration offensiv auf. Ihr großes Transparent "Schluss mit dem Krisenchaos - vorwärts zum echten Sozialismus" war eines der wenigen Transparente überhaupt und auf dem Kundgebungsplatz unübersehbar. Ansonsten gab es viele IG-Metall-Fahnen, aber auch eine ganze Reihe selbst gemachter Plakate und Schilder der Kollegen. Vor allem die Zukunft der Jugend liegt den Arbeitern am Herzen. Den meisten Beifall am offenen Mikrofon bekam Julia Scheller vom Jugendverband REBELL, als sie ausrief: 'Wir sind nicht die Generation Leiharbeit, wir sind die Generation Widerstand!'

Der Landesvorsitzende der MLPD, Peter Borgwardt, ging aufs Podium, um im Namen der MLPD zu sprechen. Sowohl der IGM-Bevollmächtigte Uwe Meinhardt als auch Erich Klemm erklärten ihm, dass die MLPD nicht sprechen dürfe, weil das für Vertreter von Parteien generell nicht vorgesehen sei. Diese antikommunistische Zensur verweigert den Kollegen das Recht, die Solidaritätsgrüße der MLPD zu hören. Auch die zahlreich vorliegenden anderen Solidaritätsadressen wurden weder verlesen, noch konnten sie vorgebracht werden."

Daimler Sindelfingen 5Die geplante Samstagsarbeit wurde abgesetzt. Auch abends sammelten sich tausende Daimler-Kollegen am Tor, diesmal Tor 1, um über die Straße nach Böblingen zu demonstrieren. Ein Korrespondent berichtet: "Die Autobahnzufahrt war von der Polizei gut abgeriegelt, offenbar gibt es da irgendwelche Befürchtungen. Es war ein riesiger Zug und wir ließen uns auch nicht von der Kälte abhalten. Mit Stolz nahmen wir uns die Straße nach Böblingen. Die Kundgebung lief dann inhaltlich fast genauso ab wie morgens in Sindelfingen."

Die weitere Entwicklung hängt entscheidend davon ab, wie sich die Kollegen in der Auseinandersetzung zwischen der Orientierung auf Verhandlungen und einen "kontrollierten Rahmen" ihres Protestes sowie dem unbefristeten Streik, bis die Vorstandspläne vom Tisch sind, entscheiden. Das Ringen darum ist in der Belegschaft voll entbrannt. Einen Beitrag dazu wird sicherlich auch die heute Abend statt findende Diskussionsveranstaltung der MLPD in Stuttgart leisten.