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Neues zu den wirklichen Hintergründen des Massakers von Kundus

07.12.09 - Die ans Licht kommenden Einzelheiten über den verheerenden Luftangriff Ende September bei Kundus in Afghanistan werden immer skandalöser und für die Bundesregierung kompromittierender. Aus einem abschließenden Nato-Geheimbericht geht hervor, dass der Angriff entgegen der regierungsamtlichen Darstellung von Anfang an umstritten war. Obwohl die US-Piloten des Bombers ganze fünfmal vorgeschlagen hatten, erst Tiefflüge zur Warnung durchzuführen, bestanden die verantwortlichen Bundeswehr-Offiziere auf einem sofortigen Luftangriff. Der deutsche Fliegerleitoffizier habe geantwortet: "Negativ. Das Ziel soll sofort angegriffen werden!" Während die US-Piloten zwei Bomben für ausreichend hielten, beharrte der deutsche Oberst Klein auf dem Einsatz von sechs Bomben.

Seine Behauptung, nichts davon gewusst zu haben, dass sich zahlreiche Zivilisten am Zielort befanden, stützte sich nur auf einen einzigen Informanten am Boden - der zudem ein Zuträger des afghanischen Geheimdienstes war und selbst gar keinen Sichtkontakt zum Ziel hatte. Aus einem sogenannten Feldjägerbericht geht hervor, dass die Bomben auch nicht in erster Linie den Tanklastern galten, sondern Talibanführern, die man vor Ort vermutete. Die Angehörigen der Opfer berichteten gestern Abend bei "Anne Will", dass sich unter der Menschenmenge aber höchstens fünf Taliban befanden.

Demnach wurde das Massaker an - laut dem Anwalt der Opfer - 179 Menschen, von denen die allermeisten Zivilisten waren, eiskalt in Kauf genommen, um ein Exempel zu statuieren. Auch die "Neubewertung" des Angriffs durch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) als "militärisch nicht angemessen" verharmlost den unglaublichen Skandal immer noch als bedauerliches "Unglück". Das ist umso heuchlerischer, als er den Nato-Abschlussbericht - wie sich jetzt herausstellt - schon kannte, als er am 6. November den Befehl von Oberst Klein noch als "militärisch angemessen" verteidigte. Die "neuen Informationen", die ihn nun angeblich zum Umdenken brachten, lagen ihm in Wirklichkeit schon lange vor.

Das unterstreicht, dass die Entlassung des bisherigen Verteidigungsministers Franz Josef Jung (CDU) nichts anderes als ein Bauernopfer war, um eine "Brandschneise" ("FAZ") zwischen die jetzigen und früheren Verantwortlichen zu legen. Ein untauglicher Versuch der psychologischen "Vorwärtsverteidigung". Auch so wird immer klarer, dass die gesamte Berliner Führungsspitze - vom alten über den neuen Verteidigungsminister, den damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) bis hin ins Kanzleramt unter Angela Merkel - mindestens eingeweiht war.

Es stellt sich aber auch die Frage, von wem der Befehl zu dem Angriff überhaupt ausging. Es spricht vieles dafür, dass nicht ein "durchgeknallter" Offizier dafür verantwortlich war, sondern höchste Ebenen, insbesondere der in Afghanistan operierenden KSK-Kräfte. So deckt der Feldjägerbericht unter anderem auf, dass vor Ort "Spezialkräfte" gewesen seien, "die vom Feldlager (PRT) Kundus aus geführt wurden" und dass "Oberst Klein in Kundus unter starkem Druck" stand, "die beiden Tanklastwagen zu zerstören - und auch die dabei stehenden Taliban-Anführer zu bekämpfen" ("faz.net", 7.12.09).

Das Massaker von Kundus ist eine Folge der Verschärfung des Afghanistan-Krieges, der immer mehr Opfer unter der afghanischen Bevölkerung, aber auch unter den Bundeswehr-Soldaten fordert. Die Vertuschungsversuche aus Berlin sollen verhindern, dass die laut Umfragen schon jetzt bei 69 Prozent der Bevölkerung liegende Ablehnung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan noch weiter wächst. Umso dringender sind die Forderungen nach lückenloser Aufklärung des Massakers von Kundus und sofortigem Abzug der Bundeswehr!