Politik

Jutta Ditfurth: "Ermittlungen zu Ulrike Meinhof"

10.12.09 - Im mit fast 270 Zuhörern voll besetzten Festsaal der Horster Mitte in Gelsenkirchen gab am Mittwoch, 9. Dezember, die politische Aktivistin und Publizistin Jutta Ditfurth ein Gastspiel. "Szenische Lesungen – Ermittlungen zu Ulrike Meinhof", unter diesem Titel stellte sie ihr neues Buch vor, ein ausführliches und sehr sensibles Portrait einer Symbolfigur der ersten Generation der APO ("außerparlamentarische Opposition") der 1960er Jahre.

Die Veranstaltung passte gut in die heutige Zeit, in der vor allem die Studenten massenhaft gegen unhaltbare Zustände an den Universitäten, gegen die Chancenlosigkeit der Masse der Jugend auf die Straße gehen. Diese Parallelität und die akribische Recherche von Jutta Ditfurth zu Ulrike Meinhof bewirkten, dass die Zuhörer der Autorin begeistert auf dem Lebensweg der Meinhof folgten. Die Lesung war durchweg angelegt als Auseinandersetzung mit den überall gleichgeschaltet verbreiteten Mythen z.B. im Film "Der Baader/Meinhof-Komplex". Ditfurth kann belegen, dass dieser Film sich gerade mal aus vier aggressiv-antikommunistischen Quellen, unter anderem des BKA speist.

Es war wohl ein Zufall, dass die Lesung nur wenige Wochen nach einer Art Jubiläum stattfand: Am 7. Oktober wäre Ulrike Meinhof 75 Jahre alt geworden. Sie starb aber schon mit 41 Jahren. 1976 wurde sie erhängt in ihrer Gefängniszelle gefunden. Mit den erschütternden Bildern vom Tod Ulrike Meinhofs begann der Vortrag. Mit sehr viel innerer Anteilnahme, die sich auch auf die Zuhörer übertrug, zeichnete Jutta Ditfurth dann die Entwicklung der als Redakteurin der Zeitschrift "konkret" sehr erfolgreichen Meinhof nach. Ihre mutige Hinwendung zur illegalen KPD in einer Zeit des aggressiven Antikommunismus, ihre zunehmende Radikalisierung, ihr Kampf um ihren Platz als Mutter zweier Kinder.

Eine lebhafte Diskussion schloss sich an. In erster Linie gab es große Anerkennung für den Vortrag von Jutta Ditfurth – frei von Antikommunismus vermittelte sie tiefe, neue Einblicke in das Leben von Ulrike Meinhof. Viele drückten auch ihren Respekt aus dafür, wie diese Frau sich durchs Leben gekämpft hat. Aufgeworfen wurden aber auch Fragen, nachdem sie schließlich den Weg des individuellen, von den Massen isolierten Terrors wählte.

Mehrere Diskussionsteilnehmer berichteten, dass sie - wie Ulrike Meinhof - in den 1970er Jahren als rebellische Jugendliche vor der Entscheidung standen, sich in die scheinbare Radikalität eines von den Massen isolierten Kampfs treiben zu lassen (und damit dem Staatsapparat Vorwände für eine Faschisierung zu liefern) oder sich auf die einzig Erfolg versprechende zähe, revolutionäre Kleinarbeit unter den Massen und beim marxistisch-leninistischen Parteiaufbau einzustellen.

Die rege Beteiligung an der Diskussion bis in den späten Abend zeigte, wie sehr der Vortrag von Jutta Ditfurth unter die Haut ging – ein wunderschöner, spannender Abend.