Politik

25 Jahre Raketenunfall in Heilbronn

Heilbronn (Korrespondenz), 12.01.10: Gestern vor 25 Jahren, am 11.1.1985, entging die Region Heilbronn nur knapp einer atomaren Katastrophe. Gegen 13:57 Uhr kam es auf der Waldheide bei Montagearbeiten an der ersten Treibstufe einer Pershing-II-Rakete zu einer Explosion. Der erste Stufenmotor der atomaren Mittelstreckenrakete entzündete sich und brannte aus. Durch die Wärmestrahlung des rund 3.000 Grad Celsius heißen Brandherdes starben zwei US-Soldaten sofort, einer erlag seinen Verletzungen auf dem Weg ins Krankenhaus. Neun weitere Soldaten wurden mit schweren, sieben mit leichten Verletzungen in umliegende Krankenhäuser eingeliefert.

Die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in der BRD ab 1983 war ein Kernstück der US-"Erstschlagstrategie" und Ausdruck der wachsenden Kriegsgefahr durch die Rivalität der beiden damaligen Supermächte USA und Sowjetunion. Eine Millionen Menschen umfassende, internationale Friedensbewegung leistete Widerstand gegen die Pläne eines atomaren 3. Weltkriegs. Die 1982 gegründete MLPD und ihre Vorläufer waren von Anfang an in dieser Bewegung aktiv und setzten sich für das Verbot und die Vernichtung atomarer, biologischer und chemischer Massenvernichtungswaffen (so genannter ABC-Waffen) ein.

In dieser Situation kam der SPD-Führung eine entscheidende Bedeutung zu, um im Zusammenspiel mit einigen "Promis" die kleinbürgerlich geprägte Friedensbewegung zu dämpfen, auf symbolische Aktionen und Appelle an die Herrschenden zu orientieren. Dies führte nach dem Bundestagsbeschluss am 22.11.1983 und dem folgenden Beginn der Stationierung zu einer verbreiteten Resignation und desorganisierte die Friedensbewegung.

Dagegen wirkte der Heilbronner Raketenunfall wie ein Alarmsignal weit über die Grenzen der Region hinaus. Bereits drei Wochen nach dem Unglück kam es zu einer Demonstration mit 10.000 Teilnehmern, der landesweite Ostermarsch führte Anfang April 1985 rund 30.000 Demonstranten zur Waldheide. Der Unfall und die breite öffentliche Debatte darüber durchkreuzten die Desinformation der Öffentlichkeit durch die US-Streitkräfte. Die Darstellung von US-General Haddock, die Bevölkerung sei zu keinem Zeitpunkt in Gefahr gewesen, wurde selbst von konservativen Medien kritisch hinterfragt.

Die Waldheide wurde nach dem Rückzug der US-Armee ab 1992 vollständig renaturiert. Das 52 Hektar große Gelände ist bis heute beliebtes Ausflugsziel zum Spazierengehen, Radeln, Walken, Joggen und für Grillfeste im Sommer. Der 11. Januar bleibt der Jahrestag einer Beinahe-Katastrophe. Aus Anlass des 25. Jahrestags organisierte die Friedensbewegung eine Begehung der Waldheide am 10. Januar.