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Erdbeben in Haiti mit dramatischen Folgen: Weltweites Mitgefühl und Solidarität

14.01.10 - Trauer, Entsetzen und Mitgefühl auf der ganzen Welt: Möglicherweise über hunderttausend Tote und unzählige Schwerverletzte forderte das schwerste Erdbeben seit 1842, das Haiti in der Nacht zum Mittwoch erschütterte. Die Straßen der Hauptstadt Port-au-Prince waren am Mittwoch mit Leichen übersät. Blutüberströmte und staubbedeckte Verletzte suchen verzweifelt nach Angehörigen. Die Berghänge von Port-au-Prince mit ihren Slums (Elendsvierteln) sind großflächig abgerutscht, sie wurden so gut wie vollständig zerstört und begruben Menschenmassen unter sich.

Über der Stadt liegt auch heute noch eine gewaltige Staubwolke. Die Strom- und Wasserversorgung ist zusammengebrochen. Zudem fehlt es an Bergungsgerät. Überlebende versuchen mit bloßen Händen, Verschüttete aus den Trümmern zu retten. Bis auf eines sind alle Krankenhäuser eingestürzt. Die Verletzten können nicht ausreichend versorgt werden, es steigt die Seuchengefahr.

Für die verheerenden Folgen dieses Bebens trägt die jahrzehntelange imperialistische Ausplünderung Haitis eine große Mitverantwortung. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein war Haiti das reichste Land der Karibik und galt als "Perle der Karibik". Es konnte sich nicht nur selbst ernähren, sondern produzierte riesige Reichtümer, die erst die Kolonialmacht Frankreich und später die USA ausbeuteten.

Letzterer gelang es, unter dem Deckmantel der "Hilfe" nach der Ablösung der französischen Kolonialmacht eine neue Vorherrschaft über das Land zu errichten. Die Wirtschaft Haitis wurde vollkommen vom Export in die USA abhängig gemacht. Die großen Wälder, die Haiti bis dahin vor Wirbelstürmen und bei Erdbeben einigermaßen schützten, wurden weitgehend abgeholzt, die Selbstversorgung mit Lebensmitteln ersetzt durch exportorientierte Produkte. Haiti gilt heute als eines der ärmsten Länder der Welt. 

2004 kam es zu einem bewaffneten Volksaufstand, durch den das Aristide-Regime aus dem Land gejagt wurde. Unter dem Deckmantel der "Hilfe" besetzten damals über 1.500 Marineinfanteristen strategisch wichtige Positionen im Land und entwaffneten die Rebellen. Es ist bis heute von UN-Truppen besetzt. Dadurch kam das gegenwärtige Regime von René Préval zustande, der genauso korrupt ist wie seine Vorgänger.

2007 gab es in Haiti einen Hungeraufstand, der Bestandteil einer weltweiten Hungerrevolte war und sich auch gegen die militärische Besetzung des Landes richtete. Es entstanden dabei selbstorganisierte Formen des Widerstands und der Organisierung des täglichen Lebens, Verteilung von Nahrungsmitteln etc. 

Die rigorose Umweltzerstörung, die ungeheure Massenarmut und die sowieso völlig unzureichende Infrastruktur ist maßgeblich für das Ausmaß der jetzigen Katastrophe verantwortlich. "Unsere Hauptstadt hat durch die Bodenerosion keinen stabilen Untergrund. Die auf den Hügeln gebauten Slums sind einfach in einer Schlammlawine komplett abgerutscht", berichtete ein Augenzeuge dem Malteser-Hilfsdienst. Bauvorschriften wurden von den staatlichen Stellen nicht beachtet - nun stürzten die armseligen Hütten zu Tausenden in sich zusammen.

Die Empörung über die völlig untätige Regierung, über die unzureichenden Rettungsmöglichkeiten, die fehlende Krankenversorgung usw. nimmt zu. Wenn jetzt die US-Streitkräfte Marines nach Haiti schicken und Flugzeugträger sowie Kriegsschiffe an die haitianische Küste, um "bei der Notfallhilfe mitzuwirken und den Weg für die Entsendung weiterer Einsatzkräfte zu ebnen", ist Wachsamkeit angebracht. Offenbar befürchtet die US-Regierung in dieser Situation ein erneutes Aufleben von Revolten. Das Volk von Haiti braucht sofortige umfangreiche, uneigennützige Unterstützung - keine weitere militärische Besetzung des Landes unter dem Deckmantel der Hilfe!