Betrieb und Gewerkschaft

Bahnarbeiter und Journalisten enthüllen unhaltbare Zustände bei der Deutschen Bahn

22.01.10 - Drei Meldungen über die Bahn machen die Runde: Der Güterverkehr ist um 25 Prozent eingebrochen (35.000 Güterwagen wurden stillgelegt); die Bahn will in den nächsten zwei Jahren 14.000 Arbeitsplätze vernichten; das Bahn-Jahr 2009 war ein "Rekordjahr der Profite" mit einem Plus von mehr als einer Milliarde Euro. Wie kann das sein? Einen Teil der Lösung dieses Rätsels veröffentlichen die ZDF-"frontal21"-Journalisten Christian Esser und Astrid Randerath in dieser Woche in ihrem "Schwarzbuch Deutsche Bahn": Sie decken erhebliche Sicherheitslücken auf, berichten von einem schlechten Betriebsklima und der Abzocke der Kunden.

So seien die Achsen der aktuellen ICE-Modelle den Belastungen nicht gewachsen, obwohl die Bahn seit 2004 immer wieder darauf aufmerksam gemacht worden sei. Und das vor allem von den Bahnarbeitern selbst. Aus dem Bahn-Betriebswerk (Hamburg-)Eidelstedt, wo unter anderem der ICE gewartet wird, wurde gestern Abend auf einer Veranstaltung der MLPD im Eidelstedter Bürgerhaus berichtet.

Es sei ein derart kritischer Punkt in der Wartung erreicht, dass Zustände drohten wie im letzten Sommer bei der Berliner S-Bahn, wo 50 Prozent aller Züge aus dem Verkehr gezogen werden mussten. Die Zeche sollen die Kollegen mit Sonderschichten, Überstunden, noch mehr Wochenendarbeit und vor allem mit Dauernachtschicht bezahlen. Nachts, so erklärte die Betriebsleitung zynisch, sei die "natürliche Stillstandszeit von Zügen". Die "natürliche Stillstandszeit" ihrer Beschäftigten interessiert sie dagegen nicht.

Zutreffend decke das Schwarzbuch auf, dass die Wartungsintervalle für ICE-Achsen seit 2003 laufend verlängert wurden, um 151 Millionen Euro an Extraprofiten einzuheimsen. Das politische Ziel des Bahnvorstands, so die Kollegen, ist die Spaltung der Belegschaft durch ein ausgeklügeltes Lohngefälle absteigend über langjährig Beschäftigten, neu Eingestellte, Leiharbeiter bei der DB-eigenen Leiharbeitsfirma, Arbeiter bei externen Leiharbeitsfirmen. An diesem untersten Rand müssen Kollegen tatsächlich für 1,50 Euro bis 3,50 Euro Stundenlohn schuften, wie das Schwarzbuch aufdeckt. Überhaupt bietet es viele interesssante Fakten, die man für die Argumentation in Betrieb und Gewerkschaft, auf den Montagsdemos etc. gebrauchen kann.

Die Frage, wie gegen diese Zustände vorgegangen wird, können indes nur die Kollegen selbst beantworten. Dazu stellte gestern in einer Extraausgabe die Kollegenzeitungen "Am Zug" unter anderem Forderungen auf wie "30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich! Alle Azubis unbefristet übernehmen! Ebenso alle befristet Angestellten und Zeitarbeiter fest einstellen. Weitestgehender Verzicht auf Nachtarbeit!"

Die Bahnkollegen haben Trümpfe in der Hand. Mit einem Streik können sie das deutsche Transportwesen weitgehend lahmlegen, um ihre Forderungen durchsetzen. Erinnert wurde in diesem Zusammenhang an den erfolgreichen Streik der Lokführer. Das, so war man sich gestern einig, erfordert eine selbstständige Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit von unten.