Politik

Symbolischer Spatenstich für "Stuttgart 21" - ein etwas misslungener Festakt

Stuttgart (Korrespondenz), 03.02.10: So hatten sich Baden-Württembergs Noch-Ministerpräsident Oettinger, Bahnchef Grube oder Stuttgarts Oberbürgermeister Schuster und ihr ganzer Tross wohl den ersten Spatenstich für "Stuttgart 21" gestern nicht vorgestellt: Als sie durch den Nordeingang der Stuttgarter Hauptbahnhofs gegen 12.30 Uhr zur symbolische Prellbockanhebung zwischen Gleis 4 und 5 eilen, müssen sie an einer rund 4.000-köpfigen, unüberhörbaren Menschenmenge vorbei, die aus der ganzen Region kam und wieder Trillerpfeifen, leere Kochtöpfe, Rasseln und Rätschen mitgebracht hat.

Unter Anspielung auf die großspurige Werbung für "Stuttgart 21" ("Stuttgart - das neue Herz Europas") hält eine Demonstrantin ein Schild mit der Aufschrift hoch: "Kein Herz für Stuttgart 21" und "Herz + Verstand = Widerstand". Rote Ballonherzen werden zum Platzen gebracht. Mir werden Sondernummern der Stadtzeitung der MLPD "tatsach" mit Artikeln zu "Stuttgart 21" fast aus der Hand gerissen und die Broschüre "Nein zu Stuttgart 21 - Aktiver Widerstand!" verkauft sich gut.

Nach der offziellen Beendigung der Kundgebung hallt die zu einem Drittel abgesperrte Bahnhofshalle dann wider von Sprechchören wie: "Oben bleiben, oben bleiben! - Wir sind das Volk! - Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns den Bahnhof klaut!" oder "...weil man uns die Stadt versaut!". Vertreter vieler Organisationen sind gekommen wie vom Naturschutzbund Deutschland, vom Verkehrsclub Deutschlands, von Ver.di und vom DGB.

Im Nu werden die Sprechchöre "umgeschaltet" auf "Lügenpack! Lügepack!", sobald einer der "feinen Herren" hinter den Absperrungen zu den offiziellen Feierlichkeiten eilt. Eine Gruppe Abendgymnasiasten hat eine Reihe neuer Parolen mitgebracht, so auch: "Eins, zwei, drei, vier - für unseren Bahnhof kämpfen wir! Fünf, sechs, sieben, acht - mit Prestige wird Schluss gemacht! Neun, zehn - Grube kann nach Hause gehn!"

Als ich einem der Schüler zu bedenken gebe, dass es sich bei "Stuttgart 21" weniger um Prestige als um Höchstproffite etwa für Bau- und Bankmonopole geht, meint er: "Ich bin da gleicher Meinung. An der politischen Korrektheit müssen wir noch feilen." 

Alles in allem ein begeisternder Protest, der am 2. Februar seinen vorläufigen Abschluss in einer kurzen Besetzung der Schillerstrasse vor dem Hauptbahnhof fand. Am kommenden Montag geht's mit der nächsten Montagsdemo gegen "Stuttgart 21" um 18 Uhr am Nordausgang des Stuttgarter Hauptbahnhofs weiter!