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Frauen immer häufiger Familienernährerin

11.02.10 - Dass Frauen zuhause kochen und auf diese Weise die Familie ernähren, das ist nichts Neues. Dass aber immer mehr Frauen den größten oder oft sogar alleinigen Beitrag zum Broterwerb einer Familie erarbeiten – das ist eine besonders in Westdeutschland relativ neue Entwicklung, die sich in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise beschleunigt fortsetzt. Das belegt eine bei der Bundesfrauenkonferenz des DGB Mitte Januar vorgestellte Studie des Wirtschaftsinstituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

Das traditionelle Modell der bürgerlichen Familienordnung, wonach der Mann "Familienernährer" und die Frau höchstens "Zuverdienerin" ist, ist ein Auslaufmodell. Nur noch in 48 Prozent der Haushalte, in denen Frauen leben, steuert ein Mann das größte Einkommen bei. In 16 Prozent dieser Haushalte verdienen beide Partner ungefähr gleich viel. Ebenfalls 16 Prozent sind weibliche Single-Haushalte, wo die Frau sowieso allein für sich sorgt. Besonders schwer ist das in den 8 Prozent der Haushalte, wo Frauen als Alleinerziehende auch für eines oder mehrere Kinder aufkommen müssen.

Abgesehen von den in etwa gleich verdienenden Partnerschaften ist der "Aufstieg" zur Familienernährerin für die meisten Frauen alles andere als freiwillig angestrebt. Die allermeisten Männer in diesen Haushalten können die "Ernährerrolle" nicht mehr spielen, weil sie arbeitslos sind oder trotz voller Erwerbstätigkeit so wenig verdienen, dass die Frau das bessere Einkommen hat. Das birgt für viele, in anderen Traditionen erzogene Paare wichtiges Konfliktpotential.

Aber trotz deutlich besserer Schul- und Berufsausbildung gilt beim Lohn weiterhin das Prinzip der doppelten Ausbeutung der arbeitenden Frauen: d.h. ihre Arbeitskraft wird geringer bewertet, weil sie die Hauptlast der unbezahlten Familienarbeit schultert und es wird immer noch so getan, als ob sie ja "nur eine Zuverdienerin" sei. Deshalb liegen die Frauenlöhne im Schnitt um ein Viertel unter den Männerlöhnen, drei Viertel aller von Niedriglöhnen Betroffenen sind Frauen, 80 Prozent aller Teilzeitbeschäftigten sind Frauen – ebenfalls oft unfreiwillig, weil die Kinderbetreuung nach wie vor alles andere als optimal geregelt ist, Arbeitszeiten aber immer stärker flexibilisiert werden.

Die auch bei der DGB-Konferenz festgestellte Konsequenz: Ein großer Teil der neuen Familienernährerinnen lebt mitsamt ihren Partnern und Kindern an oder unter der Armutsgrenze. Völlig berechtigt fordern die DGB-Frauen deshalb Mindestlöhne, gleiche Löhne für Männer und Frauen, bessere Kinderbetreuung usw.

Allerdings bleibt das strukturelle Kernproblem in den DGB-Statements unerwähnt: Die Ausbeutung der Lohnarbeit funktioniert im Kapitalismus nur und gerade weil die Organisierung des unmittelbaren Lebens der privaten Einzelfamilie – und damit vor allem den Frauen – aufgebürdet wird. Hier liegt der Schlüssel im Kampf um die Befreiung der Frau.

Bei aller Doppelbelastung: Die veränderte Erwerbstätigkeit der Frauen hat eine bedeutende positive Kehrseite: die größere Eigenverantwortlichkeit der Frauen, ihr entschiedener Wunsch, nicht mehr "zurück an den Herd" in die alte Rolle zu gehen, zeigt ein gewachsenes Selbstbewusstsein. Der bevorstehende internationale Frauentag am 8. März ist ein wichtiger Anlass, dies lautstark und unübersehbar zu demonstrieren.