Politik

Liebe Frau Käßmann, warum haben Sie bloß kein Taxi genommen?

München (Korrespondenz), 25.02.10: Sie sind beliebt und werden geschätzt, liebe Frau Käßmann, in vielen gesellschaftlichen Bereichen – am meisten aber sicherlich unter einfachen Leuten und denjenigen, die Kritik an der herrschenden Politik haben. In reaktionären Kirchen- und Politikerkreisen dagegen mag man Sie nicht sonderlich.

Kein Wunder! Sie forderten den Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan, Sie prangerten die Heuchelei der bürgerlichen Klimastrategen von Kopenhagen an, Sie haben die Kinderarmut beim Namen genannt und mit klaren Worten über den menschenverachtenden und demütigenden Charakter der Hartz-Gesetze nicht hinter dem Berg gehalten. Sie wandten sich entschieden gegen Neonazis und würdigten die Menschen, die während des Hitlerfaschismus aktiven Widerstand geleistet hatten. Sie haben Ihr Renomée und Ihr Kirchenamt gut genutzt.

Deshalb haben wir große Achtung vor Ihnen, liebe Frau Käßmann, obwohl es in unserem Weltbild eine Hand Gottes, die einen im Fallen auffängt, nicht gibt. Für diejenigen, denen Sie in Ihrem hohen Kirchenamt ein Dorn im Auge waren, ist das jetzt leider allzu glatt verlaufen. Hätten Sie doch ein Taxi genommen, Frau Käßmann! Nun denn, es hat keinen Wert, über verschüttete Milch zu lamentieren.

Wegen Ihres selbstkritischen Verhaltens zollen viele Menschen Ihnen Respekt und sagen, wer sich alles ein Beispiel an Ihrem Rücktritt nehmen könnte. Ich finde aber, man sollte sich in erster Linie ein Beispiel an Ihrem mutigen Auftreten gegen die unsoziale herrschende Politik und für die Frauen- und Friedensbewegung nehmen. Damit werden Sie ja sicher weitermachen.