Wirtschaft

U-Bahn-Bau: Der Pfusch ist das System

24.02.10 - Jeden Tag neue Hiobsbotschaften: nicht nur beim Kölner U-Bahn-Bau und beim Bau der ICE-Hochgeschwindigkeits-Strecke München-Nürnberg - jetzt auch beim Bau der Düsseldorfer U-Bahn werden schwerwiegende Versäumnisse bei der Bauqualität und gefälschte Bauprotokolle aufgedeckt. Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs vor einem Jahr mit zwei Toten und Millionenschäden hat mit großer Wahrscheinlichkeit eine Ursache darin, dass in manchen Bauabschnitten 84 Prozent der notwendigen Sicherungseisen fehlten. Kaum ein Mensch wagt mehr zu behaupten, dass hier ein paar Bauarbeiter oder Poliere einen Deal mit Schrotthändlern machten, um die "Kaffeekasse" aufzufüllen, wie es der Chef des verantwortlichen Baukonzerns Bilfinger Berger, Herbert Bodner, noch vor wenigen Tagen äußerte.

Mittlerweile erklärte Bodner seinen Rückzug. Bilfinger Berger ist keine Klitsche, sondern der zweitgrößte deutsche Baukonzern überhaupt. Überflügelt wird das in Mannheim ansässige Unternehmen mit seinen 61.000 Beschäftigten nur vom Bauriesen Hochtief mit 65.000 Beschäftigten. Weit abgeschlagen liegt Konkurrent Strabag mit seiner Tochter Züblin. 2008 konnte Bilfinger Berger seinen Umsatz von 8,6 auf 9,75 Milliarden Euro steigern und den ausgewiesenen Profit von 134 auf 200 Millionen Euro. Der größte inländische Konkurrent Hochtief steigerte in diesem Zeitraum seinen Umsatz von 16,4 auf 19,1 Milliarden.

Wie alle internationalen Baukonzerne mussten im Krisenjahr 2009 auch die deutschen Bauriesen deutliche Einbrüche hinnehmen – die genauen Zahlen liegen bisher nicht vor. Dabei war Bilfinger Berger von zu hoch gepokerten, spekulativen Gewinnaussichten bei internationalen Bauprojekten in Australien, Norwegen und Katar besonders betroffen. Hochtief hatte sich mit riesigen Bauprojekten für RTL in Köln und für die Elbphilharmonie in Hamburg ebenfalls verspekuliert und muss nun mit hohen Konventionalstrafen rechnen.

Es ist die mörderische internationale Konkurrenz, die zu solchen kriminellen Praktiken treibt. Mit allen Mitteln werden Konkurrenten in Angebotsverfahren ausgebootet, Zulieferfirmen und Subunternehmen mit Dumpingpreisen erpresst, Qualitätsstandards unterlaufen – oder die Angaben dazu gefälscht. "Die kriminelle Energie auf den Baustellen hat zugenommen", bestätigt auch Klaus Wiesehügel, der Vorsitzende der Gewerkschaft IG BAU. Er verweist auf (oft staatliche) Auftraggeber, "die nur auf den Preis achten und so das Qualitätsniveau senken".

Diese kriminelle Energie hat in den Chefetagen ihren Ausgangspunkt. Das gleiche Prinzip verwirklichte Toyota, indem jahrelang der Einbau störanfälliger Gaspedale fortgesetzt wurde, allen bekannten Todesopfern zum Trotz. In Berlin manipulierten die verantwortlichen S-Bahn-Betreiber unter den Augen des noch-staatlichen Mutterkonzerns Deutsche Bahn ein Jahrzehnt lang die Prüfberichte. Sie verlängerten die Wartungsintervalle, entließen zigtausende Kolleginnen und Kollegen, um den Betrieb für die geplante Privatisierung zu "verschlanken" - bis die ersten Züge entgleisten. 

Es ist das kapitalistische Gesellschaftssystem, das nur die Steigerung des Maximalprofits im Visier hat und dafür mit Millionen Steuergeldern pockert und auch hier bereit ist, über Leichen zu gehen. Dieses System selber ist der wirkliche Pfusch.