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Paralympics - Sportler mit Behinderungen kämpfen selbstbewusst um Medaillen

14.03.10 - Vorgestern Abend entzündete der 15-jährige beinamputierte Kanadier Zach Beaumont im BC Place Stadium das Feuer der X. Paralympics, die Weltfestspiele der Sportler mit Behinderungen in Vancouver. An die 600 Athleten aus 45 Nationen werden in 64 Wettbewerben um die Medaillen kämpfen. Aus Deutschland sind 20 Athleten dabei.

Bei den paralympischen Winterspielen gibt es fünf Sportarten: Ski alpin, Biathlon, Skilanglauf, Eisschlittenhockey und Rollstuhl Curling. Sie werden teilweise noch untergliedert entsprechend den Behinderungen. Um den Sieger der jeweiligen Disziplin zu ermitteln, werden die Leistungen mit dem Behinderungsgrad verrechnet.

Welche Schwierigkeiten die Sportler überwinden und welches Vertrauen sie in andere Menschen entwickeln müssen, kann man am Beispiel der vom Bodensee stammenden blinden Langläuferin und Biathletin Verena Bentele sehen. Um ihre Sportart auszuüben, braucht sie einen Begleiter, der ihr Kommandos gibt und ihr sagt, wohin sie fahren muss. Im Januar 2009 verpasst sie aber eine Kurve, rast einen Abhang hinunter und verletzte sich schwer. Damals dachte sie ans Aufhören: "... aber wenn man eines durch den Sport lernt, dann, dass man auch auf die Zähne beißen muss."

Phil Craven, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), brachte auf der Eröffnungsfeier auch das gewachsene Selbstvertrauen der Sportler mit Behinderungen zum Ausdruck: "... wir sind das zweitgrößte Sportevent der Welt. Wir haben unsere eigene Identität, und ich glaube, wir müssen uns nicht mehr verstecken." Das war nicht immer so. 1948 begannen in Stoke Mandeville, England, die ersten Sportspiele für Rollstuhlfahrer. Bis 1960 fanden die Paralympics parallel zur Olympiade statt, seither um wenige Wochen versetzt danach. 1984 weigerte sich das Organisationsteam von Los Angeles, die Paralympics durchzuführen, mit der Begründung, sie passten nicht in das professionelle Image der Spiele.

Die große Aufmerksamkeit, die die Paralympics inzwischen erfahren, ist Ausdruck der Anerkennung, die viele Behinderte gegen Vorurteile bis hin zu Diskrimierungen erkämpften. In dem Maß, wie die Paralympics über die großen TV-Sender die Wohnzimmer der Massen erobert haben, finden sich auch Großkonzerne und Banken als Sponsoren ein. Dazu steht an der Spitze die Lufthansa. Mit der Werbewirksamkeit wächst auch die Gefahr des Dopings bei den Paralympics, weshalb die Kontrollen gegenüber Turin vor vier Jahren ausgeweitet wurden.

Kanzlerin Angela Merkel hat das Rampenlicht der Spiele genutzt, um ihre Politik ins gute Licht zu rücken. Über 5 Millionen Euro habe die Regierung für die Vorbereitung der Sportler zu den Paralympics ausgegeben. Erheblich unterbelichtet ist aber die Basis der beachtlichen Hochleistungen, nämlich der Breitenbehindertensport. Von 6,7 Millionen Deutschen mit schweren Behinderungen sind nur etwa 470.000 in Vereinen eingebunden, obwohl gerade für diese der Sport ein ganz wichtiges Mittel ist, um  körperlich und seelisch mit ihrer Behinderung fertig zu werden.

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes befürchtet, dass keine zehn Tage nach dem Event der Behindertensport wieder aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwindet und klagt deutliche Mängel bei der Förderung an: Er anerkenne sehr wohl, dass die Sporthilfe im Gegensatz zu früher seit 2004 Prämien zahle und die Behindertensportler unterstütze. Und fügte an: "Ich kann aber nicht vor lauter Dankbarkeit auf dem Boden liegen bleiben. Ich kann nicht vor lauter staatstragender Einsicht verschweigen, was nicht gut ist."