Politik

Wer ist schuld am Lehrstellen-Desaster?

09.04.10 - Nur noch ein Viertel der Unternehmen bildet Jugendliche aus, jeder zweite bis dritte Lehrstellenbewerber ist nach dem Entwurf des "Berufsbildungsberichts 2010" der Bundesregierung länger als ein Jahr auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Es ist einer der größten Skandale des Kapitalismus, immer größeren Teilen der Jugend eine gute Ausbildung zu verwehren! Doch die Unternehmerseite hat jetzt offensichtlich ganz andere Schuldige gefunden: Es sind zum einen die Jugendlichen selbst, sie "unpünktlich, disziplinlos, dumm" sind (sz, 8.4.2010). Ganz einfach.

DIHK-Geschäftsführer Martin Wansleben stellte gestern das Ergebnis einer Umfrage unter Unternehmern vor: 74 Prozent hätten fehlende Kenntnisse der Jugendlichen beklagt, knapp die Hälfte hätte Mängel bei Pünktlichkeit, Leistungsbereitschaft und Belastbarkeit festgestellt.
Und dann die Familienschelte: Die Unternehmen müssten zunehmend "ausbügeln, was Elternhaus und Schule versäumt hätten". Er betonte, "dass die Ausbildung der Kinder nicht eine 'Dienstleistung des Staates'" sei. Es werde "zwingend das Engagement der Eltern benötigt" (welt-online, 9.4.2010). Das ist ein klares Wort des Unternehmervertreters: Die Familien stehen in der Pflicht, dem Kapital bestmöglich für die Ausbeutung vorbereiteten Nachwuchs zur Verfügung zu stellen.

Tatsächlich wird die gesamte Daseinsvorsorge bis zur Erziehung und Ausbildung der Kinder immer vollständiger auf die Familien abgewälzt. Und so verschärft sich die chronische Krise der bürgerlichen Familienordnung, nehmen die Zerrüttung in den Familien, die Armut, große Probleme in der persönlichen Lebensführung immer mehr zu. Das wirkt sich natürlich auch auf die Erziehung der Kinder aus.

Dass zahlreiche Familien oft unter großen Einschränkungen sich intensiv um die Ausbildung ihrer Kinder bemühen und damit staatliche schulische Aufgaben schultern, verschweigt Wansleben: 1,1 Millionen Schüler erhalten inzwischen Nachhilfe, die Eltern geben dafür bis zu 1,5 Milliarden Euro jährlich aus. Für die Masse der Eltern, für Hartz-IV-Betroffene usw. ist das aber überhaupt nicht mehr bezahlbar. 69 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder sehen die Verkleinerung der Klassen als vordringliches Problem, 64 Prozent sehen im Unterrichtsausfall eine dringend zu lösende Aufgabe (Allensbach-Umfrage zur Schulpolitik, www.teachersnews.net, 31.3.10).

Wanslebens Umfrage verfährt nach dem Motto: "Haltet den Dieb!" Sie lenkt gezielt ab von der Tatsache, dass in der Krise die Lehrstellen massiv abgebaut wurden. So kamen nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung auf knapp 870.000 Schulabgänger im Sommer 2009 nur 566.000 Ausbildungsplätze. 25 Prozent der Unternehmen wollen in diesem Jahr weniger Jugendliche ausbilden.

Und zunehmend werden auch noch die betrieblichen Ausbildungskosten auf die Bevölkerung abgewälzt: So bieten 18 Prozent der Unternehmen inzwischen "nicht ausbildungsreifen Jugendlichen" sogenannte "Einstiegsqualifizierungen" an. Diese dauern zwischen sechs und 12 Monaten, die Jugendlichen erhalten dafür ganze 212 Euro im Monat – und die sowie die Sozialversicherung werden von der ARGE bezahlt. Für die Betriebe sind diese Jugendlichen somit "kostenneutral", wie es im Amtsdeutsch heißt - eine billige Manövriermasse also.

Das unterstreicht, wie notwendig der Kampf um eine gründliche Schul- und Berufsausbildung ist, wie berechtigt die Forderung "Für die Verpflichtung der Großindustrie zu einer Ausbildungsquote von 10 Prozent der Beschäftigten". Die MLPD empfiehlt jedem Jugendlichen, gegen diese Zustände zu rebellieren - am besten organisiert im Jugendverband REBELL! (Zur Homepage des REBELL)

Mehr zu den Positionen der MLPD zur Jugend im "Reader zur Einführung in die jugendpolitische Linie der MLPD"