Politik

2. Ökumenischer Kirchentag im Zeichen von kirchlicher Glaubwürdigkeitskrise und Linkstrend unter den Teilnehmern

13.05.10 - Vom  12. bis 16. Mai 2010 findet in München mit 125.000 registrierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern der 2. Ökumenische Kirchentag (OEKT) statt. An 500 Orten werden innerhalb der vier Tage 3.039 Veranstaltungen abgehalten. Der Ökumenische Kirchentag wird von den Laienorganisationen Deutscher Evangelischer Kirchentag (DEKT) und dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) ausgerichtet.

Der 2. Ökumenische Kirchentag findet in einer Situation statt, in der die Kirchen, vor allem die katholische Kirche, in einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise stecken. Die Zahl der Kirchenaustritte hat sich allein in München, Nürnberg und Augsburg verdreifacht: im März 2010 traten dort 2.456 Menschen aus der Kirche aus, überwiegend Katholiken.

Mit dem Ökumenischen Kirchentag bezwecken die Amtskirchen, die Massen zu erreichen und verlorenes Terrain wieder zu gewinnen. Geht es doch diesen Institutionen selbst und dem ganzen bürgerlichen Politikeraufgebot darum, einen wichtigen Stützpfeiler der bürgerlichen Weltanschauung vor weiterer Erosion zu bewahren. Also geben sie sich selbstkritisch: so sprach Bundespräsident Horst Köhler gestern Abend beim Eröffnungsgottesdienst von "Führungsversagen, Missbrauch und Misshandlung"; von Bundeskanzlerin Merkel wird am Freitag eine ähnliche Rede erwartet. 

Das Vorankommen der Ökumene ist vielen Teilnehmern ein Anliegen. Ein Licht auf den reaktionären Alleinvertretungsanspruch der katholischen Kirche wirft die Suspendierung des Theologen Gotthold Hasenhüttl wegen eines ökumenischen Gottesdienstes in Berlin im Jahr 2003; später entzog der Vatikan ihm auch die Lehrerlaubnis.

Eine große Anzahl der Teilnehmer(innen), vor allem Jugendliche, verbinden mit dem Kirchentags-Motto "Damit ihr Hoffnung habt" fortschrittliche, zum Teil kämpferische Anliegen: den Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit, den Einsatz für den Weltfrieden und gegen die Auslandseinsätze der Bundeswehr, Engagement in Initiativen der "Kirche von unten" und gegen die Unterdrückung der Frau, Demokratie in der Kirche und Ablehnung der reaktionären Doppelmoral katholischer Kirchenherrscher.

Viele Programmpunkte des Kirchentags wie Diskussionsrunden zur Trennung von Kirche und Staat, zur notwendigen Verhinderung der Klimakatastrophe, zum Kampf für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und zur Auseinandersetzung mit den Ursachen der Weltwirtschafts- und Finanzkrise machen deutlich, dass der Linkstrend auch gläubige Menschen erfasst.

All dies schafft neue Möglichkeiten für die Zusammenarbeit mit christlich denkenden Menschen auf der Grundlage des Kampfs und für die weltanschauliche Auseinandersetzung - im Sinne von Karl Marx, der in der Einleitung seiner berühmten Schrift "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie" schrieb: "Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. … Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik." (Marx Engels Werke, Band 1, Seite 379).

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