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Karstadt - was für eine grandiose "Rettung" ...

10.06.10 - Der Milliardär Nicolas Berggruen soll für läppische 70 Millionen Euro neuer Eigentümer von Karstadt werden, dem ehemals größten europäischen und jetzt insolventen Warenhauskonzern. Als Einziger versichert er, den "Sanierungstarifvertrag" nicht antasten zu wollen und fordert - zumindest offiziell - keine weiteren Zugeständnisse der Beschäftigten. Dass er den Zuschlag erhielt, soll angesichts des wachsenden Unmuts unter den Beschäftigten und der labilen politischen Situation die Widersprüche nicht unnötig weiter zuspitzen. Das wird jetzt von den bürgerlichen Politikern und Medien großartig als "Rettung" und Sicherheit für die Beschäftigten gefeiert. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) beeilte sich, zu versichern, dass "diese privatwirtschaftliche Lösung zeige, dass ein Insolvenzverfahren nicht zur Abwicklung eines Unternehmens führen müsse".

Tatsächlich ist der Verkauf an Berggruen nur ein weiterer Schritt in der seit Jahren betriebenen Zerschlagung des Karstadt-Konzerns. 1998 arbeiteten noch rund 60.000 Beschätigte in 180 Warenhäusern von Karstadt. 1999 wurde Quelle mit ca. 12.000 Angestellten von Karstadt übernommen. Heute gibt es nur noch um 120 Warenhäuser mit knapp 25.000 Beschäftigten. Schon im Oktober 2004 vernichtete der Karstadt-Quelle-Konzern etwa 5.500 Arbeitsplätze. Im August 2005 verkaufte der inzwischen in "Arcandor" umbenannte Konzern 75 der sogenannten Kompakt-Warenhäuser sowie seine Fachhandelsketten "SinnLeffers" und "RunnersPoint". Auch das Bekleidungsgeschäft Wehmeyer wurde von KarstadtQuelle 2005 an einen Finanzinvestor verkauft.

Im Mai 2009 wurden die 54 zu Arcandor gehörenden Hertie-Kaufhäuser geschlossen und 2.600 Beschäftigte verloren ihre Jobs. Im Juni 2009 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet. Im November 2009 werden sechs Filialen, im Dezember 2009 weitere 13 Filialen mit zusammen 2.000 Beschäftigten geschlossen. Die Tochterfirma Primondo mit weltweit ca. 20.000 Beschäftigten und Quelle mit rund 1.500 Arbeitsplätzen wurden vollständig zerschlagen. Dazu kommt, dass die restlichen 25.000 Karstadt-Beschäftigten massive Einschnitte durch den "Sanierungstarifvertrag" hinnehmen mussten (unter anderem den Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld).

Zehntausende Beschäftigte haben so ihren Arbeitsplatz verloren. Und das soll keine "Abwicklung", also keine schrittweise Vernichtung eines Konzerns durch ein Insolvenzverfahren sein? Auch über die Zukunft von Rest-Karstadt und das Schicksal der übrigen Belegschaften ist noch gar nichts klar. Berggruen hat bisher keine Einigung mit dem Konsortium "Highstreet" um die Investmentbank Goldman Sachs, dem wichtigsten Vermieter der Kaufhäuser erzielt.

Im März 2006 hatte der Konzern seine Warenhaus-Immobilien für 4,5 Milliarden verscherbelt, um an flüssiges Kapital zu kommen. Seither mussten ständig steigende Riesenmieten bezahlt werden, die nicht unwesentlich zum Niedergang von Karstadt beigetragen haben. Forderungen nach weiteren Mietnachlässen hat das Eigentümer-Konsortium der Immobilien bisher aber abgelehnt. Highstreet droht Berggruen sogar mit der Zerschlagung des Unternehmens.

Statt sich auf Spekulationen einzulassen, dass diese oder jene Variante der Übernahmeschlacht weniger Arbeitsplätze kostet, kommt es für die Belegschaften bei Karstadt und im Einzelhandel insgesamt darauf an, sich konzern- und branchenweit zusammen schließen und den Kampf um ihre Arbeitsplätze gemeinsam organisieren.

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