Politik

Im Ruhrgebiet feiern die Massen - und lassen sich nicht bevormunden

Im Ruhrgebiet feiern die Massen - und lassen sich nicht bevormunden

19.07.10 - Das war ein tolles Erlebnis gestern auf der A 40! Im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010 war diese wichtigste und verkehrsreichste Ruhrgebiets-Autobahn auf 60 Kilometern gesperrt worden, um die Alltagskultur der Massen auf die Straße zu bringen. Man konnte dafür Biertisch-Garnituren auf der Autobahn mieten, man konnte mit dem Fahrrad langfahren, man konnte auch einfach nur spazieren gehen und sich alles ansehen. Die Beteiligung war überwältigend - drei Millionen Leute waren gekommen!

Die A 40, der "Ruhrschnellweg", ist berüchtigt für ihre ungezählten Staus auf der Strecke von Duisburg bis Dortmund - schnell ist man da selten. Aber an diesem Sonntag gab es Fahrrad-Staus, und zwar so dick, dass sogar manchmal Auffahrten gesperrt werden mussten! Die eine Seite war für alles, was - ohne Motor - fahren konnte, meistens Fahrräder, aber auch Inline-Skater usw. Beeindruckend war, wie rücksichtsvoll die Leute miteinander umgingen, es gab so gut wie keine Rempeleien.

Und auf der anderen Autobahn-Seite: 20.000 Biertische und das volle Programm des kulturellen und Alltagslebens des Ruhrgebiets. Vom Taubenzüchterverein über die Pokerrunde, verschiedenste Geburtstagsfeiern waren zu sehen, fast überall wurde natürlich auch gefuttert, Künstler zeigten ihre Werke und bezogen die Flanierenden mit ein, Kinder konnten Spiele machen, Musikgruppen und Chöre unterhielten die Leute. Es war das größte Highlight der "Kulturhauptstadt Ruhr" - gerade, weil die "kleinen Leute" des Ruhrgebiets massenhaft ihre Initiative zeigten, ihre Solidarität und die tiefe Freude an ihrer eigenen Kultur.

Um so empörender ist, dass die Veranstalter meinten, die Leute mit ihrer "Haus- und Streckenordnung" politisch bevormunden zu können: "Der Veranstalter duldet keine fremdenfeindlichen, rassistischen, gewaltverherrlichenden, antisemitischen, links-, ausländer- und rechtsextremen oder jugendgefährdenden Tendenzen. Daher können Personen, die insbesondere von ihrem äußeren Erscheinungsbild in Zusammenhang mit ihrer politischen Einstellung den Eindruck einer solchen extremen Haltung erwecken, von der Veranstaltung ausgeschlossen werden ..."

Entsprechende Fahnen, Propagandamaterial oder Ausrufe sollten verboten sein, Werbung politischer Parteien war nicht zulässig, Flyer, Spendensammlungen usw. auch nicht. Aber die SPD hatte Stände auf der Autobahn! In altbekannter Manier wird hier die vom "Verfassungsschutz" vorgegebene "rechts=links"-Sauce angerührt, Linke werden mit Faschisten in einen Topf geworfen, obwohl sie deren entschiedenste Gegner sind.

Doch der ängstliche bürgerliche Kleingeist der Veranstalter bekam auf der A 40 seinen Dämpfer: nicht nur dass die Besucherzahlen dreimal so hoch waren wie geschätzt; nicht nur, dass die Leute eine große Freundlichkeit, Disziplin, Geduld, Ordnungssinn, Kinderliebe usw. an den Tag legten - und zwar ganz ohne die offizielle "Hausordnung", die sicher die wenigsten kannten. Die Veranstalter hatten sich verrechnet: Man kann die Leute im Ruhrgebiet nicht zusammenbringen, ohne dass auch ihre politischen Überzeugungen sich zeigen.

Und so stießen die vielfältigen Aktivitäten der kämpferischen Opposition auf großes Interesse. Die Essener Montagsdemo war da, Menschenrechts- und Umweltgruppen stellten sich vor. Der Frauenverband Courage warb für die Weltkonferenz der Basisfrauen in Venezuela. Der Bochumer REBELL hatte zusammen mit Rebellen aus anderen Städten einen Tisch gemietet und ein Picknick veranstaltet, schön geschmückt mit REBELL- und ROTFUCHS-Fahnen, Rotfüchse warben dort fürs Sommercamp und es gab sehr freundliche Reaktionen und Spenden.

Cover Moorsoldaten großPolitische Statements wurden von den Passanten mit Wonne aufgegriffen, wenn sie sich gegen die Herrschenden wandten. "Es hat keinen Zweck, das Kapital muss weg und mit ihm die Maden in dem Speck" - das Lied des Ruhrchors wurde begeistert mitgesungen; Hunderte blieben stehen, übten zusammen den Kanon ein "Das sind wir - einer für alle und alle für einen ...", die Liederhefte gingen weg wie nichts. Immer wieder gab es Wünsche, "Brot und Rosen" zu singen oder das antifaschistische Lied "Die Moorsoldaten", das zahlreiche Jugendliche auswendig mitsangen - keine Spur von Abneigung gegen linke Statements!

Die Autobahn lang zog die Initiative "Laufen des ROT", die auf die Kulturwoche von "Kumpel für AUF" zu 90 Jahren Ruhrkampf aufmerksam machte und Flyer verteilte; "Super"-Zurufe, Zuhörer, überraschtes Interesse. Eine Band, die gerade ihre "Liebeserklärung an den Ruhrpott" anmoderierte, änderte das spontan um in eine "Liebeserklärung an die Rote Ruhrarmee". Die Aktion spielt auf die einzige "offizielle" Aktivität im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr an, die sich auf die Ruhrkämpfe bezieht - der Wasserturm in Essen-Steele ist zurzeit rot beflaggt. Unglaublich: dort gibt es noch ein großes Mahnmal für die Polizei, die vor 90 Jahren Arbeiter erschossen hat!

An verschiedenen Brücken über der A 40 hing eine Losung: "Wo das geht, geht alles". Da hat Fritz Pleitgen, der leitende Geschäftsführer der RUHR.2010 und früherer Frontmann der bürgerlichen Presse, offenbar nicht aufgepasst: Was alles geht, werden letztlich nicht seine Leute bestimmen, sondern die werktätigen Massen. Das "Still-Leben" war ein munteres Signal dafür.