Politik

Duisburg: "Wir trauern, aber wir schweigen nicht"

Duisburg: "Wir trauern, aber wir schweigen nicht"
Demonstration in Duisburg am 29.7. Foto RF

Duisburg (Korrespondenz), 29.07.10: Die Besucherströme zur Unglücksstätte im Tunnel an der Karl-Lehr-Straße reißen nicht ab. Gestern zogen über 500 trauernde Fussballfans des MSV Duisburg, VfL Bochum und anderer Vereine vor dem Freundschaftsspiel MSV gegen VfL an die Gedenkstätte. Ebenfalls etwa 500 Menschen versammelten sich heute Morgen um 10.00 Uhr zu einer Protestkundgebung vor dem Duisburger Rathaus und forderten eine Stellungnahme der Stadt und den Rücktritt von Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) nach dem tragischen Unglück bei der Love-Parade am letzten Wochenende.

Es waren betroffene Jugendliche gekommen, welche die Tragödie im Tunnel selber unmittelbar miterlebten. Es kamen Eltern, die empört sind, wie mit ihren Kindern umgegangen wird. Die Stimmung ist geprägt vom Wunsch, gemeinsam ihre Trauer und Wut zum Ausdruck zu bringen. Immer wieder skandiert die Menge "Sauerland raus!" und "Sauerland muss weg!" Aber bezeichnenderweise waren weder Oberbürgermeister Adolf Sauerland noch ein Vertreter des Rathauses bereit, sich der Menge zu stellen.

Große Empörung herrscht über das Verhalten der Verantwortlichen, sich gegenseitig den schwarzen Peter zuzuschieben und die Ursachen zu vertuschen. "Sauerland, Schaller & Co - Das Blut klebt an euren Händen! Schluss mit der Schuldzuschieberei. Wir haben die Schnauze voll", stand auf einem Plakat. Und "Kapitalismus tötet". Jugendliche hatten T-Shirts an mit der Aufschrift "Sauerland - Schämen Sie sich" und "Loveparade - Profiteure gehen über Leichen".

Betroffene kamen am Megaphon zu Wort, welches von der Hochfelder Stadtteilinitiative organisiert wurde. Jugendliche kritisieren, dass vor Ort alle Warnungen, vor allem von Duisburger Loveparade-Teilnehmern, in den Wind geschlagen wurden. Teilweise sehr aufgebracht wurde die Profitgier und Profilierungssucht angegriffen, die die Sicherheit der Menschen hinten anstellt. 

Von den Initiatoren wurde am Megaphon wiederholt gebeten, in den Beiträgen "die Politik raus zu halten". Dem stimmten zwar viele zu, andere betonten aber auch in den Gesprächen: "Das ist doch Politik, die zum Tod junger Menschen geführt hat!" "Den Reichen wird das Geld hinterher geschmissen und bei der Masse wird gespart." "Wir trauern, aber wir schweigen nicht." Applaus bekamen deshalb auch Beiträge, die genau diesen Zusammenhang herstellten.

So berichtete eine Krankenschwester vom Klinikum Duisburg, wie engagiert und selbstlos Kollegen freiwillig zum Dienst kamen am Samstag und bis an ihr Limit arbeiteten,aber gleichzeitig der OB ins Visier genommen wird, der 2008 die Meinung zigtausender Duisburger bei einem Bürgerbegehren gegen die Privatisierung des Klinikums ignoriert hat. Und dass er die Kündigungen von sechs Vertrauensleuten im Jahr 2006 mitgetragen hat, die sich für einen Azubi-Kurs eingesetzt hatten. 

Entrüstung gab es über die aktuelle Aussage von Sauerland heute in der Presse, das Sicherheitskonzept wäre im Vorfeld "einvernehmlich ohne Einspruch abgesegnet" worden. Klar, aber dafür wurden schließlich monatelang alle Kritiker mundtot gemacht und das Konzept so lange durchgereicht und angepasst, bis es schließlich widerspruchslos beschlossen wurde. 

Der Vorschlag, am Samstag beim offiziellen Gedenkgottesdienst und beim Trauermarsch vom Hauptbahnhof zur Unglücksstelle unsere Schilder und T-Shirts mitzubringen, um der Welt zu zeigen, dass die Duisburger Bevölkerung die Verantwortlichen verurteilen und solidarisch sind mit allen Betroffenen, stieß auf großen Zuspruch. Es wurden etliche Ausgaben der aktuellen "Roten Fahne" verkauft. Eine Frau nahm sie, weil "die Aufklärung insbesondere der Jugend wichtig ist".

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