Wirtschaft

Gefahrenquelle Krankenhaus

27.08.10 - Drei Kleinkinder sind inzwischen an der Uniklinik Mainz an den Folgen von bakteriell verseuchten Infusionslösungen verstorben. Mit der Trauer und dem Entsetzen darüber entwickelt sich eine breite Debatte: Wer trägt die Verantwortung? Die Kollegen im Labor? Und wie sieht es überhaupt aus mit der hygienischen Situation in den Krankenhäusern? In Deutschland gibt es entgegen den nach den Mainzer Ereignissen verbreiteten Bekundungen der politisch Verantwortlichen keine rechtsverbindlich festgelegten Standards.

Es gibt zwar Krankenhaushygiene-Verordnungen in fünf Bundesländern (Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen, Saarland und Sachsen), ob diese aber eingehalten werden, liegt beim jeweiligen Krankenhaus. Und nun werden seit Jahren auch noch gewachsene Standards immer mehr aufgeweicht. Die Kliniken haben großen Spielraum, ihre Maßnahmen über eigene an der Klinik angestellte und damit abhängige Hygienebeauftragte weiträumig auszulegen. Da entscheidet dann der für die Hygiene verantwortliche Chefarzt über die notwendigen Maßnahmen. Richtige Fachärzte für Hygiene gibt es nur in ca. 10 Prozent der Krankenhäuser. Die sogenannten "Hygienebeauftragten" sind Ärzte anderer Fachgebiete mit einem kurzen Kurs in Hygiene.

Würde man flächendeckend ausreichend Hygieniker und Hygienefachpersonal an deutschen Krankenhäusern einstellen, würde das nach Berechnungen der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene etwa 90 Millionen Euro pro Jahr kosten. Mit einer zunehmend an der Profitlogik orientierten Krankenversorgung, der Privatisierung der Krankenhäuser usw. spielt die Hygiene aber eine untergeordnete Rolle gegenüber den ökonomischen "benchmarks" (Maßstäben).

Die Folgen sind verheerend. Jedes Jahr sterben in Deutschland Tausende an Infektionen mit multiresistenten Keimen (MRSA) in Kliniken. Über genauere Zahlen gibt es nur Schätzungen. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene schätzt 40.000 Tote, das Robert-Koch-Institut (RKI) 10.000 bis 15.000 Tote und 900.000 Erkrankte pro Jahr. Das ist beileibe nicht unvermeidlich!

In den Niederlanden wurde das Problem durch gute Vorsorge in den Griff gekriegt. Dort wird z.B. kein Patient neben einen anderen gelegt, wenn nicht zuvor geklärt ist, dass er nicht Träger von MRSA ist. In deutschen Kliniken ist das nicht so. Insbesondere auf Intensivstationen ist inzwischen die MRSA-Verseuchung so hoch, dass zahlreiche Patienten dort infiziert werden. Dabei kostet nach Angaben der Techniker Kasse ein einfacher Schnelltest am Patienten maximal 30 Euro!

Auch mit der Ausgliederung der sogenannten "Dienstleistungsbereiche" der Kliniken an internationale Konzerne wie Dussmann usw. eröffnet sich ein enormes Gefährdungspotential. "Gerade im für die Krankenhaushygiene so wichtigen Reinigungsbereich wird versucht, nur noch minimale Standards umzusetzen. Kollegen berichten, wie immer wieder neue Reinigungskräfte ohne jede Ausbildung mit Zeitverträgen und Minimallöhnen auf den Stationen auftauchen. Selbst sensible Bereiche werden oft tagelang nicht geputzt", berichtet ein Korrespondent aus Berlin. 

An der Uniklinik in Mainz wurden jetzt Abstriche bei den betroffenen Kollegen entnommen, um die Verursacher zu identifizieren. Es ist natürlich einfach, die Verantwortung auf die Beschäftigten abzuwälzen, ohne die Gesamtsituation der hygienischen Standards und ihrer Einhaltung auf den Prüfstand zu stellen und Konsequenzen zu ziehen.