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IG Metall fordert 6 Prozent mehr Lohn für Stahlarbeiter - auch Lohnnachschlag ist notwendig

29.08.10 - Am vergangenen Freitag hat die Tarifkommission der IG Metall in Sprockhövel für die 85.000 Beschäftigten der Eisen- und Stahlindustrie in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen für die am 6. September beginnenden Tarifverhandlungen die Forderung nach 6 Prozent mehr Lohn beschlossen. Außerdem fordert die IG Metall für die Leiharbeiter in der Stahlindustrie eine Tarifvereinbarung, in der die gleiche Bezahlung wie beim Stammpersonal festgelegt wird ("Gleiche Arbeit – gleiches Geld") sowie bessere Arbeitsbedingungen, Arbeitszeitverkürzung und Gesundheitsförderung für die nur ca. 5.000 Stahlarbeiter, die über 60 Jahre alt sind.

Der nordrhein-westfälische IGM-Bezirksleiter Oliver Burkhard hat völlig recht, wenn er zur anlaufenden Stahl-Tarifrunde erklärt: "Geschenkt bekommen wir von den Arbeitgebern gar nichts. Wie gut wir unsere Forderungen durchsetzen können, hängt in erster Linie davon ab, wie viel Druck wir entfalten."

HSP-Vertrauensleute und -Kollegen in Dortmund berichten, wie sie in der Vorbereitung der Stahltarifrunde anhand der Lohnabrechnungen eines Kollegen ihre eigene Rechnung aufmachen: "Wir stellten fest, dass der Kollege durch die Kurzarbeit seit April 2009 trotz Aufstockung des Kurzarbeitergeldes auf 90 Prozent netto einen Verlust von 2.000 Euro im Jahr hatte. Dazu kommt die Steuernachzahlung wegen des Progressionsvorbehaltes, die auch noch mal 200 bis 300 Euro ausmachen kann. Aber auch die angekündigten Beschlüsse der Regierung zur Abwälzung der Krisenlasten gilt es bei der Tarifrunde zu berücksichtigen. … Einig waren wir uns, dass wir eine kräftige Lohnerhöhung brauchen und dazu die gewerkschaftliche Kampfkraft voll zum Einsatz kommen muss."

Die Kollegen machen vor, dass sich Lohn- und Gehaltsforderungen an dem orientieren müssen, was die Arbeiter und ihre Familien brauchen und nicht an einer ominösen "Stärkung der Binnennachfrage". Zum einen spielt die Binnennachfrage für die exportorientierte deutsche Industrie eine geringe Rolle. Zum andern haben die Arbeiterfamilien mit Kurzarbeit, Lohneinbußen und Abgabeerhöhungen genügend zu stemmen. Während sich etliche Konzerngewinne wieder auf Vorkrisen-Niveau bewegen, dauert die Abwälzung der Krisenlasten auf die Arbeiter und die breiten Massen weiter an.

Umgehend sehen natürlich Wirtschaftsminister Rainer Brüderle und Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser das "zarte Pflänzchen Aufschwung" durch die Lohnforderung der Stahlarbeiter und die Diskussion um vorgezogene Auszahlung der traiflich vereinbarten Lohnerhöhungen in der Metall- und Elektronindustrie in Gefahr. Dieses Argument ist Unsinn. Haben denn etwa maßlose Lohnerhöhungen für die Beschäftigten die Wirtschafts- und Finanzkrise verursacht? War es mangelnde Produktivität und zu hohe Bezahlung der Stahlarbeiter, die die deutsche Stahlproduktion im April 2009 um mehr als 50 Prozent auf das Niveau der 1950er Jahre abstürzen ließen?

Tatsächlich beträgt nach Auskunft der IG Metall die Quote der "Personalkosten" am Umsatz in der Stahlindustrie gerade mal noch 9 Prozent. Die Lohn- und Gehaltsquote insgesamt sank in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts von 22,3 Prozent im Jahr 1993 auf 14,1 Prozent im Jahr 2008 vor Beginn der Krise. Und der Umsatz je Arbeitsstunde in der Industrie stieg von 130 Euro im Jahr 2000 auf 192 Euro im Jahr 2008.

Die IG Metall strebt zurecht eine vorgezogene Lohnerhöhung in der Metall- und Elektroindustrie an. Statt zum 1. April 2011 soll die vereinbarte Lohnerhöhung von 2,7 Prozent bereits im Februar erfolgen. Der stellvertretende IGM-Vorsitzende Detlef Wetzel sieht diese Maßnahme durch die "Öffnungsklausel" im bis März 2012 gültigen Tarifvertrag abgesichert, wonach es je nach Wirtschaftslage des Betriebs zum Vorziehen oder Verschieben vereinbarter Lohnerhöhungen kommen könne.

Aber ist Februar 2011 nicht zu spät für die vorgezogene Lohnerhöhung? Das Geld brauchen die Arbeiter und Angestellten für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien jetzt. Von den Kapitalisten ist die Kurzarbeit in den letzten anderthalb Jahren dazu missbraucht worden, die Arbeitshetze zu steigern und die Reallöhne zu senken. Die Arbeiter in den Industriebetrieben haben 2009 durchschnittlich 4 Prozent ihres Reallohnes eingebüßt. Im Jahr 2009 sind erstmals seit 1945 nach Angaben des Statistischen Bundesamts sogar die Bruttolöhne und -gehälter in Deutschland gesunken. Deshalb ist die Debatte über einen Lohnnachschlag jetzt und zwar in allen Branchen genau richtig.