Umwelt

Skandal um dioxinverseuchtes Tierfutter weitet sich aus

08.01.11 - Der Skandal um dioxin-verseuchtes Tierfutter ("rf-news" berichtete am 4.1.2011) weitet sich immer mehr aus. Offenbar sind die – eigentlich nur für die Herstellung technischer Schmiermittel geeigneten – Fette viel giftiger als bisher bekannt. Nach Auskunft des Kieler Agrarministeriums vom gestrigen Freitag enthielten sie bis zu 78-mal so viel Dioxin wie offiziell. In neun von zehn Fällen lag die Belastung über dem Grenzwert von 0,75 Nanogramm Dioxin pro Gramm. Inzwischen wird bekannt, dass auch Schweinefleisch betroffen ist. Allein Niedersachsen rechnet wegen des Futters mit Zehntausenden dioxinbelasteten Schweinen. Das Land hat vorsorglich insgesamt 3285 Schweine-Betriebe mit einem vorläufigen Handelsverbot belegt. Südkorea hat ein Importverbot für deutsches Fleisch verhängt.

Die Firma Harles und Jentzsch in Uetersen hat offenbar schon im März 2010 durch sein eigenes Labor von den vergifteten Rohstoffen in ihrem Produktionsprozess gewusst. Durch Vermischung ist das verseuchte Futter verdünnt worden, so dass das fertige Tierfutter dann die Grenzwerte nicht mehr überschritten hat. Hieran zeigt sich jedoch auch die ganze Farce der Grenzwertfestlegung. Dioxin reichert sich im Fettgewebe an und ist langfristig stark krebserregend. Grenzwerte orientieren sich jedoch daran, was bei akuten Vergiftungen passiert. Da ist so ein einzelnes Ei oder der verdünnte Dioxingehalt im Futtergemisch "harmlos". 

Unglaublich lax sind die staatlichen Kontrollen. Martin Müller vom Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure hält 1.200 zusätzliche Personalstellen für notwendig. Harles und Jentzsch ist 2010 einmal auf Dioxin kontrolliert worden - ohne Befund. Durch die Zusammenarbeit mit der Spedition Lübbe in Niedersachsen gelang dem Betrieb ein zusätzliches Verschleierungsmanöver. Diese Spedition ist natürlich nicht als Futtermittelhersteller gemeldet, unterhält aber eine Rührstation für Tierfutter. Gegenüber dieser Spedition finden keine Lebensmittelkontrollen statt.

Harles und Jentzsch gehörte bis 1993 zum Henkel-Konzern. In Uetersen werden pflanzliche und tierische Fette, für deren Herstellung unter anderem Schlachtereien aus ganz Schleswig-Holstein und Niedersachsen Abfälle, Knochen, Speck und Talg toter Tiere anliefern, zu zwanzig verschiedenen Futterzusatzmitteln verarbeitet. Auch andere Futtermittelhersteller sind Ableger von Chemie- und internationalen Agrarmonopolen und sind in diesem Metier tätig. So hat sich "ReFood", ein Unternehmen aus der SARIA Bio Industries-Gruppe, auf das Einsammeln und Aufbereiten von Lebensmittelresten aus Kantinen, Großküchen, Hotel- und Gaststättengewerbe, Lebensmitteleinzelhandel und Lebensmittelproduktion spezialisiert. Auch BASF oder Henkel machen damit Geschäfte. Für eine Tonne Industriefett liegt der Erlös bei etwa 500 Euro, während man mit einer Tonne Futterfett 1.000 Euro verdienen kann.

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner sinniert nun über ein neues Gesetz nach, das die Produktion und Schmierfetten und Fettfutter in ein und demselben Betrieb verbietet. Verbraucherschützer sind jedoch der Ansicht, dass dies leicht zu umgehen sei. Tatsächlich gibt es in der EU bereits jetzt ein ganzes Bündel von Gesetzen, die verhindern sollen, dass Tierfutter mit Dioxin verseucht wird.  

Wie bei jedem Lebensmittelskandal werden von manchen Politikern und Medien wieder die Verbraucher verantwortlich gemacht. Sie wollten billige Lebensmittel und seien nicht bereit, für Qualität zu zahlen. Tatsächlich werden niedrige Erzeugerpreise, die bäuerlichen Klein- und Mittelbetrieben den Garaus machen, keineswegs von den Massen verursacht und haben außerdem mit den Verbraucherpreisen wenig zu tun.

Schäden von bis zu 30.000 Euro je Woche entstehen Bauern durch Umsatzeinbußen wegen geschlossener Höfe. Versicherer und Seuchenkassen zahlen nicht. Völlig zurecht erklärt der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), dass im Dioxinskandal die Auswirkungen einer verfehlten Agrarpolitik deutlich werden.

Die ganze Verkommenheit der ausschließlich auf Profitmaximierung orientierten Lebensmittelproduktion kommt hier zum Ausdruck. Aus Abfällen und Gift werden Lebensmittel für die Massen produziert. Chemie- und Agrarmonopole gehen über Leichen, wenn es dem Profit und einem vorderen Platz im Konkurrenzkampf um die Vorherrschaft in der Welt dient. Dabei sind mit dem Fortschritt der Produktivität in der Landwirtschaft längst alle materiellen Vorbereitungen vorhanden, dass die gesamte Menschheit mit guten Lebensmitteln versorgt werden könnte!