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Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben: Trauer, Elend und Proteste in Haiti

13.01.11 - Über vier Millionen Einwohner Haitis haben am Mittwoch der über 300.000 Toten des verheerenden Erdbebens vor genau einem Jahr gedacht. Um 16.53 Uhr, dem Zeitpunkt des Bebens, stand als Zeichen des Gedenkens nahezu das gesamte öffentliche Leben Haitis für eine Weile still. Die Masse der armen Bevölkerung ist immer noch tief traurig, wird aber auch immer wütender.

Denn der Wiederaufbau geht nur äußerst schleppend voran. Die von mehreren Großmächten, unter anderem auch von Deutschland, zugesagte Milliardenhilfe bleibt größtenteils aus. Von den rund zehn Milliarden Dollar (7,7 Milliarden Euro), die die internationale Gemeinschaft bei der Geberkonferenz im März vergangenen Jahres zugesagt habe, sei erst ein kleiner Teil angekommen, sagte die Büroleiterin der Diakonie Katastrophenhilfe in Haiti, Astrid Nissen.

Auf der Konferenz im März 2010 hatte die EU Haiti 1,67 Milliarden Dollar versprochen. Für Deutschland wies die EU einen Anteil von 51,8 Millionen Dollar aus. Davon waren für das vergangene Jahr eigentlich rund 36 Millionen Dollar eingeplant. UN-Angaben zufolge ist davon noch nichts geleistet worden. Weitere Millionen Euro sind zudem auf die Konten korrupter Politiker gewandert.

Noch immer leben aber über eine Million Menschen in Obdachlosenlagern. Hinzu kommen Millionen in den Slums der Städte. Amnesty International berichtet von über 250 angezeigten Vergewaltigungen seit dem Erdbeben in den Lagern: "Es gibt keine Sicherheit für die Frauen und Mädchen in den Camps. Sie fühlen sich verlassen und angreifbar." Nicht einmal eine einigermaßen funktionierende sanitäre Versorgung wurde bisher sicher gestellt. Täglich sterben Menschen an der Cholera, über 3.500 bisher. Dabei ist die Krankheit eigentlich leicht zu bekämpfen. Der in Haiti stark engagierte fortschrittliche US-Schauspieler Sean Penn dazu: "Wenn diese Staaten ihr Geld wie versprochen gegeben und ... Leitungen verlegt und Filtersysteme installiert hätten, dann hätten wir heute keine Cholera-Epidemie."

Von den Imperialisten wird für das Wiederaufbau-Desaster der "schwarze Peter" den Haitianern selbst zugeschoben. Sie könnten für keine stabilen politischen Rahmenbedingungen sorgen. Dabei hatte der Präsident Haitis, René Preval, seit dem Tag des Erdbebens die politische Macht in dem Land an die amerikanische Armee und die UNO-Besatzungstruppe (MINUSTAH) übergeben. Vor dem Erdbeben hatten die USA 60 Armeeangehörige in Haiti stationiert, wenige Tage nach der Katastrophe waren es schon 9.000. Über 12.000 UNO-Soldaten stehen jetzt im Land.

Aber offenbar ist den Imperialisten die Versorgung der Bevölkerung gar nicht so wichtig. Die US-Armee verfügt wie alle modernen Armeen über mobile Wasseraufbereitungsanlagen, die von Hubschraubern auch in unwegsamem Gelände abgesetzt werden könnten. Eine flächendeckende Versorgung mit gesundem Wasser wäre also durchaus möglich, wird aber nicht organisiert. Dass die USA jetzt damit beginnen, Haitianer, die dort Zuflucht gefunden hatten, wieder in die elenden Zustände Haitis abzuschieben, wirft ein weiteres Schlaglicht auf die angeblich "humanitären" Motive der Imperialisten.

In Wirklichkeit sorgen sich die Besatzer vor allem um das entstandene "Machtvakuum". Haiti ist schließlich ein wichtiger Brückenkopf nach Lateinamerika. Das auf eine lange Tradition des Kampfes um seine Befreiung stolze Volk Haitis könnte beginnen, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. 2.000 Mitglieder des US-Marine-Corps sind vor allem darin ausgebildet, gegen solche "Unruhen" vorzugehen. Ende Dezember entwickelten sich Massenproteste gegen die UNO-Truppen und die mangelnde medizinische Versorgung. Vor allem jugendliche Demonstranten trugen ihre Wut und Empörung auf die Straße. Zunehmend wird der Ruf laut: "Raus mit MINUSTAH!"