Umwelt

Ein nicht endenwollender Alptraum - japanische Atommeiler völlig außer Kontrolle

16.03.11 - Als wären die Zerstörung ganzer Städte und Dörfer, unablässige Nachbeben, Hunger, Durst und Obdachlosigkeit für Hunderttausende Menschen im Norden der japanischen Hauptinsel nicht genug, entfaltet sich fünf Tage nach dem verheerenden Erbeben und Tsunami vom 11. März die größte Atomkatastrophe in der Geschichte der Menschheit mit zunehmender Wucht. Eine Eindämmung oder Begrenzung der atomaren Verseuchung ist nicht absehbar – im Gegenteil. Im Atomkraftwerk Fukushima sind nach schweren Explosionen neue Feuer ausgebrochen, die Brennstäbe können weder im Reaktor selber noch in den offenen Abkühlbehältern auch nur annähernd ausreichend gekühlt werden. Völlig widersprüchliche Informationen jagen einander, ob die Kernschmelze bereits im vollen Gange ist oder bevorsteht.

Dabei wird – wie bei den Explosionen – nicht nur todbringende Radioaktivität in die Luft abgegeben, die bis zu 2.000 Grad heißen Brennelemente fressen sich in den Boden, verseuchen Grund- und Meerwasser. Auch in diesem Fall werden die Auswirkungen keinesfalls auf Japan beschränkt sein, sondern eine weltweite Dimension annehmen. Zu den Tonnen an Plutonium, die bei weiteren Explosionen ebenfalls freigesetzt werden könnten, sagt der Schriftsteller und Umweltschützer Holger Strohm in einem Interview mit der "Roten Fahne": "Wenn die verdampfen und mit Regen zur Erde zurückgespült werden, dann gehen die überall auf der Erde nieder." (Das vollständige Interview ist in der am Freitag erscheinenden Druckausgabe der "Roten Fahne" zu lesen.)

Nach offiziellen Angaben wurde bereits jetzt in der Umgebung des AKW eine Strahlenbelastung von 400 Milli-Sievert pro Stunde gemessen. Experten zufolge kann eine Dosis von 100 Milli-Sievert in einem Jahr beim Menschen zu Krebs führen. Im Reaktorgelände selber wurden über 1.000 Milli-Sievert pro Stunde gemessen, eine Belastung, die direkt schwerste Strahlenerkrankungen auslöst und in wenigen Wochen zum Tod führt. In der umliegenden Präfektur Fukushima wurden Cäsium und Jod im Leitungswasser nachgewiesen. Inwieweit die Küstengewässer bereits verseucht sind, wohin das zu vergeblichen Kühlungsversuchen benutzte Meerwasser wieder zurück fließt, ist noch nicht bekannt.

Offenbar hat die Betreiberfirma Tepco inzwischen alle Versuche aufgegeben, die Lage wieder unter Kontrolle zu bekommen. Wegen extrem hoher Radioaktivität wurden nun auch die letzten 50 der etwa 800 Arbeiter aus dem Werksgelände zurückgezogen. Auch die Versuche, mit Hubschraubern Kühlwasser über den Reaktoren zu verteilen, das mit feuerhemmender Borsäure versetzt ist, wurden wegen der enormen Strahlenbelastung abgebrochen. Auch von Reaktor 3, wo Brennstäbe mit dem hochgiftigen Plutonium lagern, steigen Rauchwolken auf. "Das ist ein langsamer Alptraum", sagte der Forscher Thomas Neff von der US-Hochschule Massachusetts Institute of Technology zum Verlauf dieses Super-GAU mit seinen noch völlig unabsehbaren Folgen und Wechselwirkungen.

Die Bevölkerung in Japan, die lange wie in einem Schock erstarrt schien, äußert zunehmende Wut auf die Betreiber der Atomkraftwerke und die Regierung, die immer noch nichts Besseres zu tun hat, als die Lage zu beschönigen. Die Anlage Fukushima I mit ihren sechs Reaktoren liegt nur etwa 240 Kilometer nördlich von Tokio. Dort sei zwar die Strahlenbelastung jetzt schon zehnmal höher als normal, wird offiziell zugegen, aber noch immer sei das "keine Belastung für die Gesundheit".

So unkritisch, wie es hier gerne in den bürgerlichen Medien behauptet wird, sind die Massen in Japan gegenüber der Kernenergie keineswegs, obwohl schon den Schulkindern das Märchen von der "guten Kernenergie" gegenüber den "bösen Atombomben" eingebleut wird. Der Fukushima-Betreiber Tepco, der zu den acht größten Energiekonzernen der Welt gehört, betreibt alleine in Japan 17 AKWs. Seine Manager hatten schon lange dermaßen dreist schwere Störfälle vertuscht, Behörden und Politiker korrumpiert, dass die Regierung 2002 alle Anlagen des Konzerns stilllegen und überprüfen lassen musste. Als diese gut ein Jahr später wieder ans Netz gingen, gab es heftige Proteste in der Bevölkerung.

Die revolutionäre Arbeiterbewegung, die Umweltschützer und Selbstorganisationen der Massen in Japan stehen gerade jetzt in einem für viele nackten Überlebenskampf vor der Aufgabe, sich an die Spitze der weltweiten Widerstandsfront zu stellen, die unmittelbar die Stilllegung aller Atomanlagen auf Kosten der Betreiber durchsetzen kann und muss. Sie im aktiven Widerstand zu unterstützen – das ist die beste Solidarität.

("Solidarität und aktiver Widerstand für die Abschaltung aller Atomanlagen - sofort und weltweit!" - Flugblatt der MLPD vom 14. März)