Umwelt

25 Jahre Tschernobyl - 6 Wochen Fukushima: Sofortige Stilllegung aller Atomanlagen weltweit!

23.04.11 - Am 22. April begannen mit dem Auftakt der Ostermärsche 4 Protesttage in Deutschland. Am morgigen Ostermontag werden Großdemonstrationen an 12 Atomstandorten stattfinden, den internationalen Höhepunkt wird der Widerstandstag am Dienstag, dem 26. April, dem 25jährigen Jahrestag der Tschernobyl-Atomkatastrophe, mit kämpferischen Aktivitäten in über 100 Ländern bilden. 

In Tschernobyl droht der Sarkophag, mit dem die immer noch hochradioaktive Atomruine zubetoniert wurde, in Kürze zusammenzubrechen, was zu einer weiteren massiven Freisetzung atomaren Materials führen würde. Für 1,7 Milliarden soll deswegen eine neue gigantische Schutzhülle gebaut werden, eine internationale "Geberkonferenz" hat am 20.4.2011 hierfür die Gelder zusammengetragen, da die Ukraine alleine das Projekt gar nicht finanzieren könnte. Dieses dann größte bewegliche Gebäude der Welt muss wegen der hohen Strahlung fernab von der Reaktorruine gebaut werden und dann auf Schienen über das Unglücksgebäude geschoben werden.

Geradezu grotesk und in der Konsequenz lebensgefährlich hören sich in diesem Zusammenhang die Äußerungen des Fukushima-Betreibers TEPCO an, man wolle innerhalb von 9 Monaten die Katastrophen-Anlage "stabilisieren".

Aus der am 9.4.2011 veröffentlichten Studie der Internationalen Ärzte zur Verhinderung des Atomkriegs (IPPNW) und der Gesellschaft für Strahlenschutz "25 Jahre Tschernobyl und die Folgen" geht die ganze Dramatik der Auswirkungen der Tschernobyl-Katastrophe auch noch heute und für viele kommende Jahre und Generationen hervor:
Von den etwa 830.000 Aufräumarbeitern ("Liquidatoren") sind über 112.000 bereits gestorben, etwa 90 Prozent erkrankten aufgrund der Strahlung. Die Studie belegt, dass die meisten gesundheitlichen Folgen eines radioaktiven Unfalls erst nach vielen Jahren, oftmals sogar auch erst in den nächsten Generationen, auftreten. Durch die Ansammlung radioaktiver Stoffe in bestimmten Organen oder Zellen, den sogenannten Kumulationseffekten, erkranken zum Beispiel Kinder gehäuft an Schilddrüsenkrebs. Diese Krankheit ist in einem gesunden Umfeld bei Kindern äußerst selten. Einer Prognose der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge werden allein im belorussischen Gebiet Gomel mehr als 50.000 Kinder im Laufe ihres Lebens Schilddrüsenkrebs bekommen.

Forscher gehen davon aus, dass durch Tschernobyl in ganz Europa knapp 240.000 zusätzliche Krebsfälle bis 2056 auftreten werden.
Nicht-Krebserkrankungen (z.B. Herz- und Kreislaufkrankheiten, Nerven- und Immunkrankheiten) haben ebenfalls infolge der Atomkatasrophe immens zugenommen. Weltweit werden aufgrund der Tschernobyl-Strahlung zwischen 30.000 bis 207.500 Kinder mit Genschäden geboren werden. Die Zahl der Totgeburten und Fehlbildungen stieg nach Tschernobyl deutlich an. Nach 1986 wurden in Europa rund 800.000 Kinder weniger geboren als eigentlich zu erwarten gewesen wären. Nach Tschernobyl wurden signifikant weniger Mädchen geboren. Die Studie belegt eine um 15,8 Prozent erhöhte Säuglingssterblichkeit in Skandinavien. In Deutschland stieg die Zahl der Trisomie 21-Fälle signifikant an. In Süddeutschland häufte sich ein bei Kindern sehr seltener Tumor, das Neuroblastom. Untersuchungen stellen einen Zusammenhang zwischen Tschernobyl und einer starken Zunahme von Diabetes Typ I bei Kindern und Jugendlichen her.

Das Tschernobylministerium der Ukraine publizierte, dass 1996 nur noch 18 Prozent der evakuierten Bevölkerung gesund war. Besonders erschreckend: bei den Kindern, die nicht selbst vom Tschernobyl-Fallout betroffen waren, deren Eltern aber erhöhter Radioaktivität ausgesetzt wurden, sank in der Ukraine der Anteil der Gesunden von 81 Prozent im Jahr 1987 auf 30 Prozent im Jahr 1996.

Wie groß werden die Folgen von Fukushima sein? In den dortigen Unglücksreaktoren stecken mit 2000 Tonnen radioaktiven Materials ein Mehrfaches der Radioaktivität des Tschernobylreaktors, darunter mindestens 6,5 Tonnen des Ultragiftes Plutonium!

Wesentlich für die kommenden Protesttage wird die Auseinandersetzung sein, wie eine breite Massenbewegung weltweit organisiert werden kann, gegen Illusionen, allein durch einen Wechsel des Stromanbieters und "neue parlamentarische Mehrheiten" liesse sich ein Atomausstieg schon regeln. Die Kampfansage des RWE-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Grossmann auf der Aktionärsversammlung am 20.4.2011 in Essen, man werde unbeirrt an der Atomenergie festhalten, wurde gehört. 15% der Aktien von RWE werden von Ruhrgebiets-Kommunen gehalten, 50% der EnBW in Baden-Württemberg von der demnächst "grün geführten" Landesregierung. Ein Hinweis darauf, dass auch eine Verstaatlichung der Energiemonopole nichts an den Herrschaftsverhältnissen im staatsmonopolistischen Kapitalismus ändern wird: hier haben sich die herrschenden Monopole den Staat vollkommmen untergeordnet, sind mit ihm verschmolzen und haben ihre Macht über die gesamte Gesellschft errichtet. Einen wesentlichen Einfluss auf die 4 grossen Energiekonzerne, die es lediglich auf bisher 0,5% Solar- und Windenergie bringen, haben die Großbanken mittels des Depot-Stimmrechts.

Die Diktatur des internationalen Finanzkapitals, deren gesetzmäßiger Bestandteil inzwischen die Umweltzerstörung für den Maximalprofit geworden ist, muss beseitigt werden, will die Menschheit eine Überlebensperspektive haben. Der Umweltkampf braucht die führende Rolle der internationale Arbeiterklasse und die internationale Koordinierung und Revolutionierung des Kampfs.

Darin besteht auch die grosse Bedeutung des Aufrufs der revolutionären Weltorganisation ICOR zum internationalen Widerstandstag am 26. April 2011.