Umwelt

Chile: Kämpferische Umwelt- und Massenbewegung bricht sich Bahn

Chile: Kämpferische Umwelt- und Massenbewegung bricht sich Bahn

01.06.10 - In Chile entfalten sich derzeit die größten Proteste seit dem Sturz des faschistischen Pinochet-Regimes. Die Zulassung des Megaprojekts "HidroAysén" für den Bau von mehreren riesigen Staudämmen im chilenischen Patagonien löste Empörung im ganzen Land aus und eine Welle von Protesten, an denen bereits Hunderttausende teilgenommen haben. Ein Korrespondent aus Berlin berichtet darüber:

"Die Pläne für den Bau der Wasserkraftwerke wurden schon unter den Regierungen der christdemokratisch-sozialdemokratischen Allianz 'Concertación' entworfen und sollen nun unter der Regierung des reaktionären Präsidenten Sebastian Pinera vollzogen werden. Der Bau der Staudämme ist vor allem ein Geschäft des spanisch-italienischen Energiekonzerns Endesa, der dafür mit dem chilenischen Konzern Colbún zusammen arbeitet und seinen ganzen Einfluss in der Regierung nutzt, um mit seinem ehrgeizigen Megaprojekt durchzukommen.

Dieses Projekt ist höchst umweltfeindlich. Allein die Kraftwerke würden 6.000 Hektare Patagoniens unter Wasser bringen (70 Prozent der wichtigsten Täler Patagoniens), die 2.000 Kilometer mal 100 Meter langen Transmissionsleitungen zum Zentrum Chiles würden durch sechs Nationalparks, 11 nationale Naturschutzgebiete, 26 geschützte Ortschaften und 32 privat geschützte Gebiete führen. Das ist ein brutaler Eingriff in das wichtigste Naturgebiet Chiles und eines der wichtigsten der Welt.

Die Stimmung der Proteste richtet sich auf jeden Fall auch gegen das ganze neokoloniale und kapitalistische System. Die Menschen haben durchschaut, dass es sich hier nur um Profitinteressen handelt. Allein in Santiago haben an den vergangenen beiden Protesttagen 30.000 bzw. 70.000 Menschen teilgenommen. Ein Bekannter berichtete mir aus dem Süden Chiles:

'Ich würde wagen zu sagen, dass wir historische Tage erleben, an die man sich über Jahre erinnern wird. Die kulante Zulassung des Gutachtens über die Umweltverträglichkeit des Projekts HidroAysén wurde unter dem Druck (der Konzerne) getroffen und hat den tiefen Zorn in allen Sektoren der Bevölkerung ausgelöst. ... Wir sind schon seit zwei Wochen ununterbrochen mobilisiert. ... Hier in Coyahique sind wir letzten Samstag auf die Straße gegangen, wir waren 3.000 und man muss erwähnen, dass hier nicht mehr als 40.000 Menschen leben.'

Die Polizei geht zunehmend mit brutaler Gewalt gegen die Demonstranten vor. In Coyahique sind beispielsweise Polizisten in eine Kirche eingedrungen, in der sich Demonstranten in Sicherheit gebracht hatten, und haben sie mit Tränengas beworfen sowie Frauen und Minderjährige mit Knüppeln geschlagen - genau so brutal wie zu Pinochets Zeiten.

Die Proteste gegen das Projekt verbinden sich auch zunehmend mit großen Studentenprotesten, die zur Zeit ebenfalls im ganzen Land statt finden. Viele der Proteste werden von einem breiten Spektrum von Menschen aus der Bevölkerung selbst organisiert, da beteiligen sich natürlich verschiedenste Organisationen und Parteien daran, auch Revolutionäre und Marxisten-Leninisten."