Kultur

"Immer auch Hoffnung"

Gelsenkichen (Korrespondenz) - 09.06.11: Katarina Bader las gestern abend aus ihrem bewegenden Buch „Jureks Erben“.

„Uns hat sehr, sehr viel verbunden.“ - Nachdenklich blickt Katarina Bader (31), Dipl.-Journalistin und Buchautorin, in den Zuschauerraum mit fast 100 Besuchern. Der Mann, von dem sie spricht, ist die Titelfigur ihres Buches, das in der Horster Mitte in Gelsenkirchen im Mittelpunkt ihrer Lesung steht: Jerzy Hronowski, Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz. Der Titel des Buches: „Jureks Erben – Vom Weiterleben nach dem Überleben“. Das Willy-Dickhut-Museum und der Kultursaal Horster Mitte hatten eingeladen.

Katarina Bader, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Geschwister-Scholl-Institut in München, hatte den polnischen Antifaschisten Jerzy, den alle Jurek nannten, als 18jährige Schülerin bei einem Besuch im ehemaligen KZ Auschwitz kennengelernt. Es entwickelte sich ein langes Gespräch zwischen dem jungen Mädchen und dem alten Mann: der Beginn einer intensiven Freundschaft, die erst zu Ende ging, als Katarina vor fünf Jahren an Jureks Grab stand. Sein Tod war längst nicht das Ende ihrer Beziehung. Sie studierte Unterlagen, hatte Gespräche mit Menschen, die ihn kannten. So auch mit Jureks Sohn Tomek, der heute in den USA lebt und keine Verbindung zu seinem Vater hatte. Das alles erfahren die Zuhörer bei der Lesung. Sie sind ergriffen von der sensiblen Schilderung des Mannes, der – das verhehlt die Autorin nicht – auch seine geheimnisvollen und äußerst widersprüchlichen Seiten hat. So hat sie bei ihren Recherchen festgestellt, dass seine Erinnerungen an vier Jahre Auschwitz oberflächlich betrachtet nicht immer der Wahrheit entsprachen - oder tiefer gesehen: unterschiedliche Wahrheiten behandelten. Nicht, dass er sie dramatisiert hätte, sondern im Gegenteil: Er versuchte immer, auch positive Aspekte in seine Schilderungen einzubauen. Eine Folge seiner Traumatisierung, ahnt Katarina Bader: „Seine Geschichten hatten immer ein bisschen Hoffnung.“ Und so erlebten die Zuhörer eine Schilderung, die unter die Haut ging, die bei den Älteren eigene Erfahrungen wach rief und bei den Jüngeren die Überzeugung stärkte: „Das darf sich nie wiederholen!“