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"Wir wollen Rechte, nicht nur auf dem Papier" - Frauenstreiktag in der Schweiz

15.06.11 - Pünktlich um 14.06 Uhr hallte gestern, am 14. Juni, ein Konzert von Hunderttausend Trillerpfeiffen durch große und kleine Städte der Schweiz. Uhrzeit und Tag erinnerten an den 14.6.1991, als annähernd eine Million Schweizerinnen mit Arbeitsniederlegungen und Massendemonstrationen einen fast legendären "Frauenstreiktag" organisierten. Sie waren dagegen aufgestanden, dass zehn Jahre zuvor zwar ein Grundgesetzartikel zur Festlegung gleicher Löhne bei gleicher Arbeit von Frauen und Männern verabschiedet worden war - die Realität aber die systematische Diskriminierung von Frauen im Berufsleben weiter zementiert hatte.

Und daran hat sich bis heute nicht viel geändert: Frauen verdienen in der Schweiz im Durchschnitt 20 Prozent weniger als Männer, sie werden in deutlich größerer Zahl als Männer in Teilzeitjobs gedrängt, nicht zuletzt, weil die Möglichkeiten für Kinderbetreuung nach wie vor miserabel sind (allein 50.000 Kita-Plätze fehlen) und den Frauen immer noch die Hauptlast der Familienarbeit aufgebürdet wird.

Ein breites Bündnis hat in diesem Jahr zum Gedenken an 20 Jahre Frauenstreiktag aufgerufen. In Zürich demonstrierten nach Angaben der Polizei 2.000 Frauen und Männer, in Lausanne 1.500, in Bern 1.300, in Genf 1.000 und in Luzern 300. Auch in vielen kleineren Orten gab es Protestversammlungen. Vielfach klebten sich die Frauen lila Schnauzbärte an, um sich darüber lustig zu machen, dass ihnen nur der Bart fehlt, damit sie bessere Löhne kriegen.

Eine Schweizer Korrespondentin schreibt: "Dieses Mal wurde der Aktionstag vor allem von gewerkschaftlich organisierten Kräften getragen, auch verschiedene Parteien und Organisationen waren aktiv, einige jedoch erst am 14. Juni selbst. Auch die Landsfrauengemeinde hatte zum Streiktag aufgerufen, da die Bäuerinnen wenig Lohn verdienen und oft im Alter nicht abgesichert sind. Die Schweizer Frauenbewegung ist insgesamt gut vernetzt und sehr groß, allerdings fehlt uns mehr inhaltliche Auseinandersetzung, auch um die Frage, dass wir eine starke internationale Frauenbewegung brauchen.

Insgesamt war klar, das Problem sind nicht die Männer, sondern die Profitlogik. Aktionen in den Betrieben, getragen von den Basismitgliedern der Gewerkschaften, werden zum Erfolg führen, daran müssen wir arbeiten. An allen Aktionen beteiligten sich Männer aktiv. Alle Aktionen waren von einer großen und lebendigen Vielfalt und Phantasie der Teilnehmerinnen und Teilnehmer geprägt. Unsere Hauptfigur, eine Frau mit Megafon war auf T-Shirts, Tatoos, ausgeschnittenen Styroporfiguren bis zur Sprayparole in der ganzen Schweiz zu sehen."

Die Schweiz hatte erst 1971 als letztes europäisches Land ein Frauenwahlrecht zugelassen, im Kanton Appenzell durften die Frauen sogar erst 1990 wählen gehen! Und auch heute noch gibt es offen militante Stimmen, die die Frauen aus der Erwerbstätigkeit und politischen Aktivität am liebsten völlig verdrängen möchten. Aber die Schweizerinnen haben das auch als Herausforderung verstanden, für ihre Rechte offensiv einzutreten.

So wurde der Frauenstreiktag vor 20 Jahren für die kämpferische Frauenbewegung in ganz Europa zu einem Signal. Auch auf der ersten Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen im März diesen Jahres in Venezuela war eine Delegation aus der Schweiz aktiv. Diese Weltfrauenkonferenz hat deutlich gemacht, dass sich die Kämpfe der Frauen um ihre konkreten Forderungen weltweit mit dem Kampf um die Befreiung der Frau in einer befreiten Gesellschaft durchdringen müssen. 

Herzlichen Glückwunsch zum gelungenen gestrigen Kampftag!