Politik

Ruchlose Praktiken der Boulevardpresse

15.07.11 – Die größte britische Sonntagszeitung, „News of the World“, wurde nach 168 Jahren Erscheinen auf Druck der Öffentlichkeit eingestellt. Die Zeitung erschien unter der Regie von James Murdoch, dem Sohn des australischen Mediengiganten Rupert Murdoch. Nachdem immer neue Vorfälle skrupelloser “Informationsbeschaffung” ans Tageslicht kamen, zog dieser die Reißleine. Reporter hatten über Jahre Handys von rund 4.000 Personen angezapft. Darunter Angehörige von getöteten britischen Soldaten, von Verbrechensopfern usw. Ausgespäht wurde auch der britische Ex-Premier Gordon Brown.

Im Fall eines entführten und später tot aufgefundenen Mädchens sollen sogar Nachrichten auf der Mailbox ihres Handys gelöscht worden sein, um Platz für neue zu machen. Die Eltern der 13-Jährigen hatten daraufhin gedacht, ihr Kind sei noch am Leben. In einem 167-seitigen Parlamentsbericht wurden bekannt gewordene Vorfälle illegaler Praktiken des Eindringens in die Privatsphäre von Familien Beschuldigter, als auch von Opfern von Verbrechen aufgelistet. Die Redaktionsleitung ist auch nicht davor zurückgeschreckt, vorbestrafte Privatdetektive einzusetzen.

Nach Berichten der britischen Zeitung „Daily Mirror“, wonach die Hinterbliebenen von Opfern des Anschlags auf das World Trade Center ebenfalls abgehört wurden, ermittelt nun das FBI. Dadurch könnten die Sendelizenzen für den Konzern „News Coorperation“ von Rupert Murdoch gefährdet sein. Dem viertgrößten Medienkonzern der Welt gehören in den USA unter anderem der erzreaktionäre Privatsender „Fox“ und das „Wall Street Journal“ sowie in Großbritannien das Revolverblatt „The Sun“ und die „Times“. Dort zeigen sich bereits die ersten Auswirkungen: Nach Bekanntwerden des Skandals sprach sich das Parlament gegen die Übernahme des Privatsenders „BSkyB“ durch die „News Cooperation“ aus. Schlussendlich verzichtete Murdoch unter dem Druck der Öffentlichkeit auf diesen Schritt.

„News of the World“ war eines der aggressivsten Sprachrohre der englischen Medien, es befürtwortete den Krieg in Afghanistan, trommelte für die Verschärfung der Faschisierung des Staatsapparats unter dem Vorwand des Kampfs gegen den „Terrorismus“. Inzwischen ist der britische Premierminister David Cameron selbst ins Fadenkreuz der Ermittlungen geraten. Der ehemalige Chefredakteur der Zeitung, Andy Coulson, war zur fraglichen Zeit der inzwischen aufgedeckten Skandale Kommunikationsberater von Cameron. Dieser teilte vor einigen Tagen mit, man handle „so schnell wie möglich und wie es juristisch erlaubt ist“ und sei bereits auf der Suche nach einem Richter für einen Untersuchungsausschuss. In der britischen Öffentlichkeit wird jedoch der Verdacht laut, dass er Zeit gewinnen will, um belastendes Material verschwinden zu lassen.

Dass die Herrschenden sich Methoden bedienen, die mit Menschenverachtung, Lügen und Halbwahrheiten arbeiten, ist kein Einzelfall. Bekanntlich hat auch Italiens Ministerpräsident Berlusconi sein Medienimperium ungehemmt für eigene Wahlpropaganda und später Regierungspropaganda genutzt und auch in Deutschland sind die Fälle ungezählt, wo Menschen von der Boulevardpresse gedemütigt wurden – man erinnere sich nur an die Kampagnen zur Diskriminierung von Hartz-IV-Betroffenen oder an die Hetzartikel gegen “die Pleite-Griechen”. Zur Begleitung und Verankerung ihrer volksfeindlichen Politik scheuen die Herrschenden nicht vor schmutzigen Praktiken zurück, wenn auch ein großer Teil ihrer Propagandisten eher “seriös” daherkommt.