Politik

Kassenpatienten - Menschen zweiter Klasse?

19.07.11 - Eine aktuelle repräsentative Umfrage bestätigt ein viel diskutiertes Thema: Kassenpatienten werden schlechter behandelt und müssen wesentlich länger auf Arzttermine warten als Privatpatienten. Gesetzlich Versicherte warten 71 Tage auf einen Termin beim Facharzt, Privatpatienten 19. Die AOK Rheinland / Hamburg hatte im Juni anonym eine Telefonaktion durchgeführt. Sie hatte mehr als 800 Mal testweise in Praxen angerufen. Dabei gaben sich die Mitarbeiter bei einem ersten Anruf als gesetzlich Versicherte aus. Später riefen sie als vermeintliche Privatpatienten an.

Es gibt eine wachsende Zahl von Fachärzten, die ausschließlich nur noch Privatpatienten behandeln. Das Argument, dies liege am Ärztemangel, ist eine Irreführung. Denn insgesamt ist die Zahl der Kassenärzte in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich gestiegen, um 40 Prozent auf mehr als 137.000. Kollegen aus dem Ruhrgebiet bestätigten gegenüber rf-news die Untersuchung. So wartete ein junger Mann aus Wesel vier Monate auf einen Termin beim Orthopäden, nicht kürzer musste ein älterer Kollege aus Oberhausen mit Herzproblemen auf den Termin beim Kardiologen warten. Bereits 2004 berichtete das Apothekenmagazin Gesundheit über Studienergebnisse von Berliner Forschern: „Wer als Kassenpatient einen Schlaganfall erleidet, muss fast doppelt so lange auf den Beginn der Behandlung warten wie privat Versicherte“.

Die Erschließung des Gesundheitswesens als profitable Anlagemöglichkeit für das überschüssige Kapital der internationalen Monopole, die völlige Unterordnung des Gesundheitswesens unter die Jagd nach Maximalprofiten verschlechtert zusehends die medizinische Versorgung der Bevölkerung. Zynisch als Gesundheits“reform“ bezeichnet, werden die Kassenleistungen für die Werktätigen ständig verschlechtert, wer ernsthaft krank wird, sollte besser viel Geld haben. Die Hausärzte erhalten viele Leistungen von den Kassen nicht mehr erstattet. Nimmt sich der Arzt Zeit und spricht ausführlich mit dem Patienten, wird das zum Zuschuss-Geschäft für ihn. Während die meisten Kassenleistungen streng reglementiert sind, können die Mediziner mit individuellen Zusatzangeboten sowie beim Behandeln von Privatpatienten mehr Geld verdienen. Und für Privatpatienten können sie oft mehr als doppelt so hohe Rechnungen stellen wie bei gesetzlich Versicherten. Sie erzielen geschätzte 30 Prozent ihres Einkommens auf diese Weise, obwohl die Zahl der Privatpatienten nur zehn Prozent ausmacht. Das ist weniger den Ärzten anzulasten als dem auf Profit getrimmten Gesundheitswesen.

Das wirkt sich auch in den Krankenhäusern aus, wo zum Beispiel erforderliche Reinigungs- und Hygienearbeiten dem Rotstift zum Opfer fallen. Das massive Vorkommen multiresistenter Keime in deutschen Krankenhäusern hat inzwischen sogar dazu geführt, dass Patienten, die in Deutschland im Krankenhaus waren, in holländischen Kliniken erst einmal auf eine Quarantänestation kommen, um eine Übertragung der in Deutschland grassierenden Krankenhauskeime zu verhindern.