Betrieb und Gewerkschaft

Die kapitalistische Arbeitswelt macht krank

28.07.11 - Zwei Statistiken der letzten Tage lassen aufhorchen: Zum einen der Krankenhausreport der Barmer GEK über die Zunahme psychischer Erkrankungen, zum anderen Berechnungen der Deutschen Rentenversicherung über das Ansteigen des Renteneintrittsalters. Insgesamt nahm die Patientenzahl der Kliniken in den vergangenen 20 Jahren nur um 17 Prozent zu, bei psychischen Erkrankungen waren es dagegen weit mehr als doppelt so viele (plus 129 Prozent). 8,5 von 1.000 Versicherten mussten 2010 vor allem wegen Depressionen, aber auch dem Burn-Out-Syndrom, Angststörungen usw. im Krankenhaus behandelt werden.

Barmer-Vize-Chef Rolf-Ulrich Schlenker hält wachsenden Leistungs- und Zeitdruck am Arbeitsplatz und mehr Stress durch Umwelteinflüsse für wesentliche Faktoren. Solche Zustände können eine große innere Erregung verursachen, die psychisch sehr anstrengend ist. Weltweit leiden 121 Millionen Menschen an Depressionen, vor allem in Ländern mit einem hohen Arbeitsdruck. Frauen sind wegen ihrer meist doppelten Belastung in Beruf und Haushalt (oder auch als alleinerziehende Mütter) etwa doppelt so oft betroffen wie Männer.

Therapeut Manfred Nelting von der Gezeitenhausklinik in Bonn: "Die heutige Arbeitswelt bietet nicht mehr das, was ein Mensch eigentlich braucht. Es wäre also an der Zeit, sich mal Gedanken darüber zu machen, welche Rahmenbedingungen die Arbeitswelt bieten muss, damit wir mit unserem menschlichen Regulationssystem, unserem Stresssystem noch damit zurechtkommen. Heute haben die Menschen ständig Angst, dass sie der Nächste sind bei Entlassungen." ("sueddeutsche.de", 5.2.10).

Der Druck auf die Beschäftigten, aber auch auf die Erwerbslosen wird ständig erhöht. Statt angesichts der enormen Steigerung der Arbeitsproduktivität in den letzen 20 Jahren (pro Kopf stieg die Leistung um mehr als das Doppelte) die Wochen- und Lebensarbeitszeiten bei vollem Lohn- und Rentenausgleich zu senken und die Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen, werden die Arbeitszeiten verlängert, die Arbeit immer stärker verdichtet (mehr Arbeit mit weniger Leuten, schnellere Taktzeiten am Band usw.) und der Druck durch Entlassungdrohungen erhöht.

Nicht der Mensch, sondern der Profit steht im Mittelpunkt! Trotz in vielen Branchen vereinbarter 35-Stunden-Woche verbringen die Beschäftigten im Schnitt daher zurzeit 40,5 Stunden in der Woche am Arbeitsplatz. Zunehmend mehr Menschen können ihre Arbeitskraft heute gar nicht mehr ausreichend wieder herstellen, da sie trotz Krankheit weiter arbeiten müssen. Außerdem sind sie gezwungen, immer später in Rente zu gehen.

Das durchschnittliche Renteneintrittsalter stieg im vergangenen Jahr bei Männern von 63,5 Jahren auf 63,8 Jahre, bei Frauen verschob sich das Renteneintrittsalter im Schnitt von 62,9 auf 63,3 Jahre. Beides sind die höchsten Werte seit Beginn der gesamtdeutschen Rentenstatistik 1993. Nur in Irland, Schweden oder den Niederlanden gehen die Beschäftigten ähnlich spät in den Ruhestand.

Offenbar ist die drohende Altersarmut ein wesentlicher Grund für dieses spätere Renteintrittsalter. Jeder fünfte Vollzeit-Beschäftigte (19,2 Prozent) verdient so wenig, dass er länger Beiträge zahlen muss, um eine ausreichende Rente zu erhalten. 8,7 Millionen der 27 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten werden im Alter nur noch eine Grundsicherung erhalten, weil sie in ihrem Leben nicht genug verdient haben. Das geht aus Antworten der Bundesregierung auf Anfragen der Linkspartei hervor.

Es sind diese Zustände, die immer mehr Menschen psychisch krank machen. Es stellt sich die Frage: Was taugt ein Gesellschaftssystem, in dem der Profit über alles geht und dafür Raubbau an der Gesundheit der Beschäftigten getrieben wird; was taugt ein System, in dem eine ständig ansteigende Arbeitsproduktivität zu einer Existenz-Bedrohung für immer mehr Menschen wird?