Politik

Eine Zugfahrt nach Stuttgart

München (Korrespondenz), 28.07.11: Es ist Samstag Morgen, ich sitze im IC nach Stuttgart, wo heute eine Großkundgebung mit dem Motto "Baustopp für immer" stattfindet. Zuerst will ich die Zeitung lesen, aber der Ausblick auf die goldgelben Felder reizt mich mehr. Sollte das Projekt S21 Erfolg haben, fährt man auf der schwäbischen Alb meistens im Tunnel.

In Stuttgart gehe ich zum Nordausgang. Hier beginnt der Bauzaun, der mit Zetteln, Fotos, mit kleinen Kunstwerken und diversen Kommentaren zu S21 voll behangen ist. Der Zaun macht einen auffällig gepflegten Eindruck. Ich komme mit meinem Nachbarn ins Gespräch. Er gibt mir zu verstehen, dass er hier der Zaunschützer und täglich anwesend ist. Vor kurzen sei eine Schulklasse aus Brixen/Südtirol da gewesen und habe ein Kunstwerk für den Zaun überbracht, um sich solidarisch zu zeigen. Nebenbei holt er aus einer Hosentasche einen Kabelbinder und fixiert einen Flyer, den wohl der Wind gelöst hat.

Während der Kundgebung tritt eine Gruppe von Pro S21 Leuten mit Plakaten "FÜR S21" auf. Die Ordner haben Mühe, die aufgebrachten Kundgebungsteilnehmer zu beruhigen. Denn sie würden diese Provokateure vom Platz fegen. Letztendlich wird ein Transparent gespannt. So sind die Pro S21 Leute nicht mehr zu sehen und sie sehen auch nicht mehr viel. Etwas weiter wird über den Fortgang des Protests diskutiert.

Eine Frau berichtet über den spalterischen Einfluss der Zeitungsmedien. Verschiedene Bekannte von ihr aus der Umgebung von Stuttgart hätten Bedenken geäußert, es sei nicht mehr sicher, nach Stuttgart zu fahren. Dies wird mit Empörung zurück gewiesen. Stuttgart sei noch nie so sicher wie seit dem Protest gegen S21. Man könne zu jeder Tag- und Nachtzeit den Schlosspark begehen. Die Drogenszene sei verschwunden, und durch die S21-Bewegung ist die Anonymität aufgebrochen worden.

Bevor mein Zug mich wieder heimbringt, leiste ich mir noch einen Kaffee in diesen majestätischen Hallen. Mein Nachbar ist voll mit Buttons und Aufklebern zu S21. Dazu trägt er einen Besen. Am Samstag ist im Schwabenländle Kehrwoche. Er erzählt mir, dass er schon über 70 sei und zu den Baumschützern gehöre und beklagt sich über die Versuche von Polizei und Staatsanwalt, die Baumschützer zu kriminalisieren.

Und noch ein Gedanke zum heutigen Ausflug nach Stuttgart: Ja, 15.000 Menschen kämpfen weiter - auch ein Heiner Geißler spielt fast keine Rolle mehr. Die Frage ist nur: reicht es aus, den Kampf gegen Bahn und Grundstücksspekulanten auf die Spielregeln, die die Bahn, die Spekulanten und letztlich auch die Parlamentarier uns auferlegen wollen, zu beschränken?