Politik

"Stuttgart 21": Geißler präsentiert neue Mogelpackung - Tausende demonstrieren

"Stuttgart 21": Geißler präsentiert neue Mogelpackung - Tausende demonstrieren
Mit Geißler-Masken vor dem Hauptbahnhof

30.07.11 - Gestern scheiterte die "Stresstest"-Farce zum milliardenschweren Tiefbahnhof "S21" endgültig. Selbst das SMA-Institut, das sich derzeit um einen neuen Riesenauftrag der Bahn bemüht, bescheinigte der Bahn lediglich eine "wirtschaftlich optimale" Qualität. Der geplante Bahnknoten Stuttgart mit dem Tiefbahnhof "S21" samt den teils neu zu bauenden Zulaufstrecken baut Verspätungen nicht ab, sondern auf. Der S-Bahn droht in der Spitzenstunde der Kollaps, heutige Anschlüsse fallen weg, Züge können nicht fahren, wo sie gebraucht werden. Das legte der grüne Tübinger OB Boris Palmer treffend dar.

Es gibt weder einen Sicherheits-, noch einen Notfallplan, von der "Behinderten- oder Familiengerechtigkeit" keine Spur. Vielmehr kann der Tiefbahnhof beim Brand einer Lok zur Todesfalle werden. Als der "Schlichter" Heiner Geißler am fortgeschrittenen Nachmittag diesem "Murks 21" dann noch die Bestnote "Premiumsqualität" verschaffen wollte, verließ das Aktionsbündnis gegen "S21" endlich die Showveranstaltung. Die inzwischen mehrere tausend "S21"-Gegner auf dem Marktplatz begrüßten dies mit tosendem Beifall. "Lügenpack" und immer öfter auch "Geißler weg" - diese Sprechchöre waren schon vorher immer stärker aufgebraust. Nach einer Abstimmung wurde nun - schon lange erwartet - mit dem eigenen Programm der Kundgebung begonnen.

Pfarrerin Müller-Ensslin verurteilte die "Stresstest"-Show als Auftakt einer Medienkampagne, um "S21" gegen den Widerstand durchzusetzen und erklärte: "Unser Protest geht weiter, wir lassen uns nicht instrumentalisieren." Klaus Gebhard, Gründer der Parkschützer, machte deutlich, dass es nicht um ein paar Züge geht, sondern um die "Verteidigung unserer Lebensqualität". Sabine Schmidt, Sprecherin der Mahnwache gegen "S21", erklärte direkt an Bundeskanzlerin Merkel und Bundesverkehrsminister Ramsauer gewandt: "Wir bleiben, werden Tag und Nacht die Leute bei jedem Wetter informieren, ehrenamtlich und professionell." Weitere mehr als 15 prominente "S21"-Gegner sprachen sich für die entschlossene Fortführung der Widerstands aus.

Gleichzeitig vertraten verschiedene "S21"-Gegner wie Aktionsbündnis-Sprecherin Brigitte Dahlbender vom BUND oder Winfried Hermann von den Grünen dann aber, das 15-seitige Papier, das Heiner Geißler im Rathaus zwischenzeitlich aus der Tasche gezaubert hatte, prüfen zu wollen. "Frieden für Stuttgart" heißt es, Geißler hatte es bereits an Bundeskanzlerin Angela Merkel und den grünen Ministerpräsidenten Kretschmann gesandt. Dieser Vorschlag hat allenfalls den "Frieden für die Bahn und Co." im Sinn, will den wieder erstarkten Protest zersetzen und " Stuttgart 21" in leicht abgespeckter Version durchsetzen.

Als "Kompromiss" soll ein verkleinerter Tiefbahnhof ausschließlich für den Fernverkehr gebaut und ein verkleinerter Kopfbahnhof für den Nahverkehr erhalten bleiben. Damit wird zugleich eingestanden, dass der mehr als 5 Milliarden Euro teure geplante Tiefbahnhof Fernverkehr und Nahverkehr nicht vertakten kann, was genau die Bahnkunden jedoch wollen und brauchen. "Wir werden das Projekt fortsetzen" - damit machte Bahnvorstand Dr. Kefer ebenso wie Bundesverkehrsminister Ramsauer und wie CDU und SPD im Land deutlich, dass sie ungeachtet dessen an dem Wahnsinnsprojekt "S21" festhalten wollen.

Der Kopfbahnhof, von Stiftung Warentest bereits als bester deutscher Bahnhof bezeichnet, kann für ein Drittel der Kosten von "S21" hingegen noch weiter verbessert werden und darf nicht - auch nur teilweise - demontiert werden. Dafür demonstrierten dann gestern abend schätzungsweise mehr als 5.000 Menschen in einem langen Zug durch die Innenstadt zum Bahnhof und durch seine Schalterhalle - sie wollen das Projekt und Geißlers "Frieden" nicht.