Betrieb und Gewerkschaft

Kämpferische Stimmung in einem Streiklokal der Stuttgarter Straßenbahnen

Stuttgart (Korrespondenz), 27.10.11: Die Tarifauseinandersetzung im öffentlichen Nahverkehr in Baden-Württemberg bleibt spannend (siehe "rf-news"-Bericht von gestern). Es kommt darauf an, einen flächendeckenden, unbefristeten Vollstreik durchzusetzen. Nur so kann die Anhebung des Weihnachtsgelds, der einheitliche Urlaub von 30 Werktagen für alle Beschäftigten oder auch die Bezahlung von Wegezeiten in Betrieben des öffentlichen Nahverkehrs in Baden-Württemberg erkämpft werden.

"Man kann nicht den Krieg erklären und mit Papierbällchen werfen!" Mit diesem Vergleich brachte ein Streikender bei einer Umfrage für "rf-news" in einem Streiklokal der SSB seinen Unmut über die "Nadelstichtaktik" der Ver.di-Führung im Streik zum Ausdruck. Und mit seiner Äußerung konnte er sich der Meinung der meisten seiner Kolleginnen und Kollegen zur Streiktaktik der Gewerkschaftsführung sicher sein, wie die Umfrage ergab. Wie man zu einem Vollstreik kommen könne, darüber herrschte noch viel Unklarheit.

Das waren aber nicht die einzigen Fragen, zu denen es lebhafte Gespräche gab. Viele der befragten Kollegen schauen über die Grenzen ihres Betriebs hinaus und sehen ihre Situation im Rahmen der kapitalistischen Ausbeutung. Der Streik bekommt auch dadurch politischen Charakter, dass die Stadt Stuttgart als "Dienstherr" der SSB-Kollegen einerseits Banken und Baulöwen mit Millionen aus Steuergeldern für Projekte wie "Stuttgart 21" bedient und dann der Belegschaft sagt, man habe kein Geld, um ihre Forderungen zu erfüllen. Gleichzeitig droht sie mit der Keule der Privatisierung, womit die Kollegen wohl noch schlechter als jetzt gestellt wären.

Die Umfrage ergab, dass einige der Streikenden auch die Beseitigung dieses Gesellschaftssystems als notwendig erachten und dem Gedanken an ein System ohne Ausbeutung und Unterdrückung aufgeschlossen gegenüber stehen. Daraus entwickelten sich auch interessante Diskussionen über den Sozialismus. Wir konnten die "Rote Fahne" verkaufen und Kollegen für das Buch "Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution" interessieren.