Betrieb und Gewerkschaft

Stahlkonzerne weichen vor Konfrontation zurück

Stahlkonzerne weichen vor Konfrontation zurück
Azubis beim Warnstreik der Stahlarbeiter in Düsseldorf am 21.11.11

22.11.11 - In der Nacht vom Montag auf Dienstag einigten sich die Vertreter der Stahlkonzerne und der IG Metall auf ein Ergebnis für die Stahltarifrunde in Nordrhein Westfalen, Niedersachsen und Bremen. Zur Beratung des Ergebnis finden nun Vertrauensleute-Versammlungen statt. Anschließend wird die Tarifkommission darüber beschließen.

3,8 Prozent höhere Löhne soll es ab dem 1. Dezember 2011 bis zum 28. Februar 2013 geben. Dazu kommt ein "Nullmonat" für den November 2011. Dass entspricht 3,56 Prozent für eine Tariflaufzeit von 16 Monaten. Das wichtigste Ergebnis ist das Zugeständnis bei der unbefristete Übernahme der Auszubildenden. Der Tarifvertrag zur "Altersteilzeit" wird nur mit einer kleinen Verbesserung (Aufstockung des Unternehmerbeitrags zur Rentensicherung) verlängert. Weitere Veränderungen wurden in eine Arbeitsgruppe vertagt. 

In ersten Reaktionen von Kolleginnen und Kollegen, welche "rf-news" heute Morgen befragte, beurteilten sie das Ergebnis widersprüchlich: "Die Prozente sind ok, aber die Laufzeit zu lange. Warum wird wie jedes Mal groß Tamtam gemacht und dann doch wieder schnell abgeschlossen?" "Wenn über den Verhandlungsweg nicht mehr drin war, dann gehört auch Urabstimmung und Streik dazu." "Mal wieder gehen die Älteren leer aus, wie sollen wir bis 67 arbeiten und eine Altersteilzeit mit 50 Prozent kann sich doch praktisch kein normaler Kollege erlauben!"

Die meisten Stahlkollegen kritisieren zu Recht, dass in dieser Situation der Defensive der Monopole die IG-Metall-Führung sich auf das Verhandlungsergebnis unterhalb der Forderung von 7 Prozent mehr Lohn eingelassen hat, statt die volle Kampfkraft der Belegschaften einzusetzen. Angesichts des Reallohnabbaus seit Jahren und den aktuellen und bevorstehenden Preissteigerungen, vor allem bei Sprit und Energie, sind diese nominalen 3,8 und faktischen 3,56 Prozent Prozent völlig unzureichend.

Aber mit ihrer Zustimmung zum Verhandlungsergebnis haben die Stahlkonzerne an einer zentralen Auseinandersetzung zurück gerudert. Provokativ hatten sie noch kurz zuvor die Forderung nach der unbefristeten Übernahme der Azubis als "Eingriff in die Eigentumsverhältnisse der Arbeitgeber" abgetan und verächtlich vom "Beamtentum für Auszubildende" gesprochen. Das jetzige Zugeständnis in dieser Frage ist ein bedeutender Kampferfolg der Stahlbelegschaften.

Viele Jugendliche haben zusammen mit den älteren Kollegen besonders dafür ihre Kampfbereitschaft angekündigt. Selten hat man bei Warnstreiks in Tarifauseinandersetzungen so viele kämpferische Auszubildende  gesehen. Die Übernahme wird überhaupt erstmals tarifvertraglich zur "Regel" erklärt. Das ist eine Vorlage für alle anderen Branchen, auch dafür zu kämpfen.

Die MLPD und ihr Jugendverband REBELL haben diese Forderung schon seit Jahrzehnten aufgestellt und dafür geworben. Gerade jetzt bei der hohen Jugendarbeitslosigkeit ist es ein wichtiger Rückhalt für die jungen Kollegen, wenn mit dem Eintritt in die Ausbildung auch die Unsicherheit bezüglich der Übernahme genommen wird.

Allerdings ist auch ein Haken in die Vereinbarung eingebaut. Wenn der Betrieb davon abweichen will, kann er dies mit einer "Ausbildung über Bedarf" oder "akuten Beschäftigungsproblemen" nachweisen und der Betriebsrat muss dem zustimmen. Damit wird das Problem wieder in die Betriebe verlagert und von der jeweiligen Kampfstärke der einzelnen Betriebe abhängig gemacht.

Dennoch, das Zugeständnis der Stahlmonopole hängt mit der Rücksichtnahme auf die labile politische Situation zusammen. Bundesregierung und Unternehmerverbände wollten einen Massenstreik der Stahlarbeiter vermeiden.

Tatsächlich waren die Stahlarbeiter bereit, einen unbefristeten Streik zu führen. Viele Stahlarbeiter wollten über die konkreten Forderungen hinaus auch weitere Rechnungen mit Regierung und Konzerne begleichen. 15.000 - oftmals viel mehr als erwartet - beteiligten sich an der ersten Warnstreikwelle. Die Tarifrunde hatte ihr besonderes Merkmal in der Kampfeinheit von Jung und alt. Bei allen Aktionen und Warnstreiks war die Jugend aktiv, den älteren lag besonders diese Forderung am Herzen.