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Zum Tod von Vaclav Havel

20.12.11 - Am vergangenen Sonntag verstarb in Tschechien Vaclav Havel im Alter von 75 Jahren. Sein Tod hat in aller Welt Betroffenheit ausgelöst. Havel war nach dem Zusammenbruch der bürokratisch-kapitalistischen Diktatur der damaligen "Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik" (CSSR) 1989 bis 1993 Präsident der Tschechoslowakei, anschließend bis 2003 nach der Aufspaltung des Landes in Tschechien und Slowakei Staatsoberhaupt der neu gegründeten Tschechischen Republik. Viele Menschen, nicht nur in der ehemaligen Tschechoslowakei, werden Vaclav Havel als mutigen Gegner der bürokratisch-kapitalistischen Diktatur, bescheiden auftretenden bürgerlichen Politiker und herausragenden Vertreter des absurden Theaters in Erinnerung behalten.

Die Tschechoslowakei wurde 1945 durch die Rote Armee und tschechoslowakische Partisanengruppen von der faschistischen Unterdrückung durch Hitlerdeutschland befreit. Auf antifaschistischer Grundlage wurde mit dem volksdemokratischen Aufbau des Landes begonnen, bis mit dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 in der damaligen Sowjetunion die Diktatur des Proletariats gestürzt und eine bürokratisch-kapitalistische Herrschaft errichtet wurde. Die CSSR wurde zu einem vom Sozialimperialismus unterdrückten und ausgeplünderten Land, der hoffnungsvolle, sozialistische Aufbau entartete zur Karikatur.

Im Januar 1968 wurde Alexander Dubcek zum Parteivorsitzenden der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei gewählt. Bei Gewährung bestimmter bürgerlich-demokratischer Rechte und Freiheiten wie "Pressefreiheit" und Reisefreizügigkeit hatte er eine gewisse Annäherung an den Westen versucht, was als "Prager Frühling" in die Geschichte einging. Der Einmarsch von Truppen der sozialimperialistischen UdSSR und des Warschauer Pakts beendete diese Entwicklung noch 1968. Die CSSR wurde ähnlich wie die DDR mit massiven Grenzbefestigungen versehen, Tausende Bürgerrechtler wurden verfolgt und inhaftiert.

Vaclav Havel initiierte 1976 einen Zusammenschluss von Künstlern, Intellektuellen, Kirchenvertretern, aber auch einfachen Werktätigen, um auf die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen in der CSSR weltweit aufmerksam zu machen. Im Januar 1977 wurde die "Charta 77" veröffentlicht, ein Aufruf überwiegend von Künstlern und Intellektuellen, der diese Menschenrechtsverletzungen anprangerte und international bekannt machte. Der bürokratisch-kapitalistische Staat reagierte darauf mit Massenverhaftungen und der Ausbürgerung von hunderten Unterzeichnern. So wurde dem Schriftsteller Pavel Kohout 1979 nach einer Reise die Wiedereinreise in die Tschechoslowakei verweigert und die Staatsbürgerschaft aberkannt.

Vaclav Havel selbst wurde nahezu fünf Jahre im Gefängnis eingesperrt. Seine zwischen 1979 und 1982 aus dem Gefängnis geschriebenen "Briefe an Olga" (seine damalige Ehefrau) gaben weltweit Einblick in die unmenschlichen Zustände. Havels Kritik an den herrschenden Zuständen in der Tschechoslowakei und im gesamten Ostblock war humanistisch-demokratisch geprägt. Für ihn war der bürokratische Kapitalismus eine Fortsetzung der sozialistischen Anfänge in seinem Land. Nicht die Restauration des Kapitalismus, sondern der "Stalinismus" sei für die Zustände in der Tschechoslowakei verantwortlich.

Das war für die bürgerliche Ideologen im kapitalistischen Westen ein gefundenes Fressen, ihn als einen Kronzeugen gegen den Kommunismus zu hofieren. Er wurde nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts von den bürgerlichen Medien als "Held der samtenen Revolution" und der "Befreiung vom Kommunismus" gefeiert.

Während er einerseits durch seine mutige Haltung vor 1989 viele Menschen zum Widerstand gegen die bürokratisch kapitalistische Herrschaft ermutigt hat, führte er als Staatspräsident von Tschechien sein Land in die imperialistische NATO und die EU und somit unter die Weltherrschaftspläne der westlichen Imperialisten. Die Nachrufe imperialistischer Politiker, sei es von Barack Obama oder Bundespräsident Christian Wulff, würdigen Havel daher insbesondere für diese Politik. EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso nannte Havel einen "wahren Europäer und Vorkämpfer für Demokratie und Freiheit".

Damit meinte er sicher nicht die harte Kritik, die Havel in den letzten Jahren an den Folgen der Privatisierung in Tschechien entfaltete oder seinen Einsatz für Menschenrechte. Denn soweit ließ sich Havel nicht verbiegen, sich zum Laudator des Kapitalismus zu machen. Mit der Verfilmung seines Dramas "Abgang" erfüllte sich Havel im vorigen Jahr einen lang gehegten Traum. Die Premiere seines Films am 22. März in Prag sollte für den Regisseur und Staatsmann zu seinem letzten öffentlichen Auftritt werden. In "Abgang" kritisierte er die leeren Worthülsen der bürgerlichen Politik. Er erzählt von einem Kanzler, der sein Amt und damit seine Identität verliert.