Umwelt

Starker Anstieg von Asbest-Erkrankungen in den kommenden zehn Jahren erwartet

02.09.12 - Die Industriegewerkschaft Agrar Bauen Umwelt (IG BAU) weist in aktuellen Pressemitteilungen darauf hin, dass im vergangenen Jahr die Zahl der durch Asbest hervorgerufenen Berufskrankheiten bundesweit angestiegen ist. Die IG BAU warnt insbesondere vor der Asbestbelastung bei der Sanierung von Wohngebäuden. Der Bezirksvorsitzende der IG BAU Duisburg-Niederrhein, Friedhelm Bierkant: "Rund 86.600 Wohngebäude in Duisburg stammen aus den 1960er- und 1970er-Jahren, in denen asbesthaltige Baustoffe massenhaft eingesetzt wurden. Nach und nach sind hier Sanierungen notwendig, manchmal wird sogar abgerissen. Hier lauern dann tückische Gesundheitsgefahren."

Bis in die 1970-er Jahre galt Asbest in Deutschland als bevorzugtes Baumaterial und hatte seine Spitzenwerte in der Produktion vor etwa 30 Jahren. Trotz seiner Schädlichkeit wird Asbest in vielen Ländern immer noch eingesetzt. 2007 wurden laut Angaben des "United States Geological Survey" 2 Millionen Tonnen verbaut. Der größte Verbraucher ist China (30 Prozent), gefolgt von Indien (15 Prozent) und Russland (13 Prozent). Die Internationale Arbeits-Organisation (ILO) schätzt, dass heute weltweit zwischen 100.000 und 140.000 Menschen pro Jahr wegen Kontakt mit Asbest sterben. Laut einer Studie der Europäischen Union wird das Material in Europa bis 2030 eine halbe Million Opfer gefordert haben.

Im Jahr 1974 hatten Betriebsräte der Bremer Vulkan-Werft zum ersten Mal von den Gefahren, die von Asbest ausgehen, gehört – ein Stoff, mit dem die Arbeiter tagtäglich in Kontakt kamen. Die stetig bis in die 1990er Jahre hinein erhobenen Forderungen nach besseren Schutzmaßnahmen und nach einem Verbot der verseuchten Materialien verliefen erfolglos. Als der Bremer Vulkan 1997 seine Werft-Tore für immer schloss, entließ er Hunderte von Arbeitern in eine ungewisse soziale und gesundheitliche Zukunft. Mehr als ein Viertel der ehemaligen Werftarbeiter klagt über einen schlechten bis sehr schlechten Gesundheitszustand, wobei bis jetzt nur die Spitze des Eisbergs sichtbar geworden ist. In der "Zentralen Erfassungsstelle asbeststaubgefährdeter Arbeitnehmer" in Augsburg sind über 510.000 Arbeiter erfasst, die in ihrem Berufsleben mit Asbest zu tun hatten.

"Einmal erkrankt, ist das Problem nicht nur der schnelle und lebensbedrohliche Verlauf der Krankheit", so Reinhardt Meyer, Betriebsrat bei MAN Diesel&Turbo Oberhausen zur "Roten Fahne". "Der Nachweis der beruflichen Verursachung ist Voraussetzung für die Anerkennung von Asbestose und Krebserkrankungen durch Asbest als Berufskrankheit. In der Regel müssen 25 'Asbestfaserjahre' nachgewiesen werden, in denen der Kollege der Asbestbelastung ausgesetzt war. Meist ist das dadurch erschwert, dass die Krankheit viele Jahre nach dem Kontakt mit Asbest auftritt, keinerlei Unterlagen mehr existieren, oder es die Firma nicht mehr gibt. Eine Umkehr der Beweislast und eine gesetzlich festgeschriebene Aufbewahrungspflicht von mindestens 40 Jahren für Daten über den Umgang mit krebserregenden Stoffen würde es Betroffenen deutlich erleichtern, den Zusammenhang zwischen ihrer Erkrankung und deren berufsbedingten Verursachung nachzuweisen".

In Italien wurde am 13. Februar 2012 ein historisch bedeutsamer Schuldspruch im Prozess gegen den Asbestverarbeiter Eternit gefasst. In dem 2009 begonnenen Strafprozess wurden die beiden höchsten Führungskräfte der multinationalen Eternit-Gruppe zu je 16 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der ehemalige Inhaber von Eternit, Stephan Schmidheiny, und Louis de Cartier de Marchienne, der frühere Geschäftsführer der italienischen Tochtergesellschaft, für etwa 3.000 durch Asbest verursachte Todesfälle vor allem in Casale Monferrato und Umgebung verantwortlich sind.

Die beiden wurden zu Schadenersatzzahlungen von insgesamt über 65 Millionen Euro an die Asbestopfer, deren Familien sowie einige Organisationen des öffentlichen Lebens verurteilt; insgesamt waren fast 6.000 Personen als Nebenkläger aufgetreten. Die Asbestopfer und ihre Familien sollen Schadenersatzzahlungen in der Höhe von mehrheitlich zwischen 30.000 und 35.000 Euro erhalten. Erstmalig wurden hier die Verantwortlichen in den Führungsetagen der internationalen Monopole zur Rechenschaft gezogen.

Der Kampf gegen Giftstoffe am Arbeitsplatz und für verbesserte Arbeitsschutzbestimmungen und ihre Einhaltung hat gerade heute unverminderte Bedeutung.