Umwelt

Japan: Vielfältiger Massenwiderstand gegen anhaltende atomare Katastrophe

08.12.12 - In ganz Japan ist inzwischen eine kämpferische Umweltbewegung aktiv. Die Anliegen sind vielfältig und vermengen sich mit sozialen Fragen. Dr. Jörg Schmid vom IPPNW ("Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges") und Tomoko Arai, in Deutschland lebende Japanerin, referierten am 29. November im Arbeiterbildungszentrum Süd Stuttgart über die Folgen der Atomkatastrophe für das Leben der Menschen in Japan und die aktuelle Situation. Jörg Schmid berichtete unter anderem, dass sofort nach dem Erdbeben ein Anstieg der Radioaktivität gemessen wurde, dass also nicht erst der Tsunami die Katastrophe verursachte. Ein Erdbeben der Stärke 7 würde ausreichen, um die in den bruchfälligen Gebäuden noch vorhandenen zigtausenden Kernbrennstäbe erneut unkontrolliert schmelzen zu lassen.

Japan ist inzwischen weiträumig mit Caesium 137 verstrahlt, bis auf die große Insel Kyushu im Süden. Dabei gehört Tokio zu den am höchsten verstrahlten Gebieten. Das nukleare Inventar aller zerstörten Reaktoren entsprach der 120-fachen Menge von Tschernobyl. Nur auf das radioaktive Cäsium 137 berechnet, kam es zur 168-fachen Verstrahlung von Hiroshima. Tomoko Arai hat Videos auf "Youtube" dazu mit japanischem Untertext versehen. Bereits nach wenigen Tagen wurden diese über 8.000-mal angeklickt. Dabei ist für viele Japaner die erschreckendste Botschaft, dass auch die nicht evakuierten Gebiete massiv atomar verstrahlt wurden.

Sie berichtete aber auch, dass sich zur Zeit ein neuer Widerstand unter anderem gegen die Streichung der staatlichen Wohnungshilfe bei Evakuierungen entwickelt. Diese auf gesetzlicher Grundlage gezahlte Hilfe wurde nach dem Erdbeben von Kobe fünf Jahre geleistet und soll für Fukushima-Geschädigte jetzt schon Ende Dezember eingestellt werden. In der Stadt Niigata gelang es einer breiten Volksbewegung, die Verbrennung von Tsunami-Müll zu stoppen, der oft mit Giftstoffen wie Asbest verseucht ist, Der Müll musste wieder abtransportiert werden. In Osaka im Süden Japans wurden zuletzt im Zusammenhang mit solchen Protesten vier Demonstranten verhaftet. In Tokio sind im letzten Monat gleich zwei Großdemonstrationen, die in einem Park stattfinden sollten, von der Stadtverwaltung verboten worden.

Die japanische Umweltbewegung hat nach ihrem massiven Anschwellen im Sommer (bis zu 200.000 Menschen bei wöchentlichen Freitagsdemonstrationen gegen AKW in Tokio) aber auch mit Spaltungstendenzen zu kämpfen. Es gibt unter anderem sektiererische Zuspitzungen mit Aufrufen zu Morden an Verantwortlichen, die viele Menschen verunsichern und zurückschrecken. Hinter diesen Aufrufen wird in der Anti-AKW-Bewegung auch eine bewusste Provokation durch Regierungsagenten vermutet. Dass der Wiederanlauf des AKW Oi nicht verhindert werden konnte, führte bei einem Teil der Aktivisten zu Resignation und vorläufigem Rückzug.

Es sind wichtige Diskussionen im Gang, wie die Umweltbewegung mit diesen neuen Entwicklungen fertig werden kann. Gegenwärtig wird dies überlappt vom heftig tobenden Wahlkampf zu den vorgezogenen Neuwahlen des Unterhauses am 16. Dezember. Eindrucksvoll bewies die Veranstaltung, dass der Widerstand gegen die Atomenergie-Nutzung fortgesetzt werden muss. Dabei bringt die sich entwickelnde internationale Zusammenarbeit, für die unter anderem auch die gemeinsame Kampagne von ICOR und ILPS für die Beendigung der Nutzung der Atomenergie steht, einen großen Zuwachs an Energie und Argumentationskraft, was alle Anwesenden an diesem Abend tief beeindruckte und mobilisierte.