Betrieb und Gewerkschaft

Kulturrevolution bei ThyssenKrupp?

12.12.12 - Die "Süddeutsche Zeitung" vom 8. Dezember schrieb: "Der Traditionskonzern braucht vor allem eine Kulturrevolution." Damit spielte sie auf die  bekannt gewordenen Korruptionsfälle bei ThyssenKrupp an. Auch die "WAZ", größte Regionalzeitung im Ruhrgebiet, übernimmt diesen Begriff, der sonst nicht unbedingt zum Wortschatz der Krisenmanager gehört. Die Große Proletarische Kulturrevolution, mit der der chinesische Revolutionär Mao Zedong Ende der 1960er Jahre die Millionenmassen der Arbeiter, Bauern, der revolutionären Intellektuellen und der Jugend zur Verteidigung des Sozialismus mobilisierte, war der "entscheidende Damm zur Verhinderung der Restauration des Kapitalismus", wie es im Programm der MLPD heißt.

ThyssenKrupp hat mit dem Sozialismus und Mao Zedong nichts am Hut. Es geht hier vordergründig um eine Kritik an Korruption, "Verstöße gegen die Geschäftsordnung" und "Fehlverhalten von Managern". Spektakulär hat der Aufsichtsrat auf seiner Sitzung am 10. Dezember die drei Vorstandsmitglieder Olaf Berlien, Edwin Eichler und Jürgen Claassen gegen eine Abfindung vorzeitig entlassen, also den halben Vorstand rausgeschmissen. Hiesinger, vorher in dem durch seine Milliarden-Korruptionsfälle berüchtigten Siemens-Konzern tätig, gibt sich heute als Vertreter einer neuen "Führungskultur", entgegen einem Führungsverständnis, "in dem Seilschaften und blinde Loyalität oft wichtiger waren als unternehmerischer Erfolg" ("Süddeutsche Zeitung", 12.12.12).

Kartellabsprachen zwischen den internationalen Übermonopolen sind in Deutschland und weltweit Gang und gäbe. Ein von ThyssenKrupp geführtes internationales Schienenkartell hat über Jahre Hunderte von Millionen Euro an Extraprofiten durch überhöhte Preise von der Deutschen Bundesbahn oder städtischen Verkehrsbetrieben kassiert. Die Zeche zahlen die Kunden und die Masse der Steuerzahler. Weil ein Konkurrent die Sache hat auffliegen lassen, um sich selber als "Kronzeuge" Straffreiheit zu verschaffen, wurde ThyssenKrupp zu einer Kartellstrafe von 103 Millionen Euro verdonnert. Kartellabsprachen gab es auch im Bereich Aufzüge und Rolltreppen. Kriegsschiffe werden mit Hilfe von Bundeskanzlerin Merkel verkauft – so verschiedene U-Boote an Griechenland, das dafür neue Schulden aufnehmen musste - oder den Armeen der Welt mit Schmiergeldzahlungen angedient.

Der Hintergrund dafür, dass seit Anfang 2011 bei TKS rund 50 Manager ihren Posten verlassen mussten, liegt aber woanders. Der Vorstand hat sich in seinem ehrgeizigen Plan verspekuliert. In Brasilien und den USA wollte er mit zwei neuen Stahlwerken seine Stellung auf dem Weltmarkt ausbauen. Die Erwartung eines großen Zuwachses im Stahlgeschäft und steigender Stahlpreise ist in die Hose gegangen. Um zu sparen wurde der Auftrag einem Billiganbieter aus China gegeben, der Pfusch ablieferte und das meiste wieder abgerissen werden muss. TKS stieß in Brasilien auf vehementen  Protest von Umweltschützern. Zudem ist ThyssenKrupp seit Jahren immer mehr gegen die Konkurrenz aus Indien und China ins Hintertreffen geraten.

Um international aufzuholen, hat Hiesinger angekündigt, in den kommenden drei Jahren zusätzlich zwei Milliarden Euro aus den Belegschaften herauszupressen. Allerdings traut er sich bisher nicht zu sagen, welche und wie viele Arbeitsplätze er vernichten oder um wieviel er die Löhne und Gehälter kürzen will. Schon jetzt zeigt sich, welche Richtung gegen die Beschäftigten eingeschlagen werden soll: In den Federnwerken in Hagen und Olpe wurden entgegen der jahrzehntelangen Tradition der "Sozialpläne" erstmals zu offenen Massenentlassungen gegriffen und bisherige Tarifrechte ausgehebelt (Erpressung zur 39,5-Stundenwoche  ohne Lohnausgleich, Kürzung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld).

Es ist fraglich, ob ThyssenKrupp nach dem geplanten Verkauf der beiden neuen Stahlwerke in Brasilien und den USA nicht den gesamten Stahlbereich abstoßen wird, um sich auf das Geschäft mit Aufzügen, Rolltreppen, Kriegsschiffen und Industrieanlagen zu konzentrieren. In Wahrheit stehen Tausende von Arbeitsplätzen an Hochöfen und Stahlwerken und Walzanlagen auf dem Spiel. Das ist eine Herausforderung an die kampferprobten Stahlarbeiter in Deutschland.