Politik

Katholische Bischöfe feuern unbequemen Aufklärer sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen

10.01.13 - Der "Verband der Diözesen Deutschlands" (VDD) hat eine von ihm im Juli 2011 in Auftrag gegebene Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) über sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche gestoppt. Seit Ende 2009 waren innerhalb weniger Monate Tausende Fälle sexueller Gewalt vor allem an Kindern und Jugendlichen in mindestens 20 von 27 Bistümern Deutschlands bekannt geworden.

Die Kirche hatte zunächst über eineinhalb Jahre versucht, diesen Skandal zu vertuschen bzw. zu verharmlosen. Daraufhin traten allein 2010 über 188.000 Katholiken aus der Kirche aus und ihre Glaubwürdigkeit geriet in eine tiefe Krise. Auf massiven öffentlichen Druck unter anderem von der "Initiative Kirche von unten" stimmten die Kirchenoberen dann einer unabhängigen Untersuchung des KFN zu, um aus den Schlagzeilen zu kommen.

Jetzt kündigte der Diözesenverband die Studie auf, weil das "Kommunikationsverhalten" des Direktors des Kriminologischen Forschungsinstituts, Christian Pfeiffer, eine "weitere konstruktive Zusammenarbeit" verhindert habe. Offenbar passte es den Verantwortlichen nicht, dass Pfeiffer sich ihren Zensur- und Kontrollwünschen widersetzte. Der Diözesenverband hatte Anfang Mai 2012 entgegen den vertraglichen Vereinbarungen gefordert, dass das Forschungsinstitut Berichte vor der Veröffentlichung zur Genehmigung vorlegt, und wollte auf die Auswahl der beteiligten Mitarbeiter Einfluss nehmen. Verschiedene Diözesen hatten unter dem Vorwand einer kirchenrechtlichen Vorschrift belastende Akten geschreddert.

Das wirft ein Schlaglicht darauf, wie wenig die Katholische Kirche an der Aufklärung dieser Fälle sowie der Entschädigung der Opfer interessiert ist und wie weit bis heute die Verstrickung führender Vertreter in diese Skandale geht. Der Sprecher des deutschlandweiten "Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt", Norbert Denef, hatte diese Entwicklung kommen sehen: "Ich fühle mich mit meinen Befürchtungen bestätigt. ... Wir haben den Verdacht, dass die Kirche an einer wirklichen Offenlegung aller Daten nicht interessiert ist." Zur Ankündigung des Diözesenverbands, jetzt selbst "mit anderen Partnern" die Untersuchung fortzuführen, meint er: "Man kauft sich sozusagen Leute, die das Ergebnis liefern, das man haben möchte. Das nenne ich Manipulation statt Objektivität." ("Kölner Stadtanzeiger", 10.1.13)

Das zeigt aber auch, in welchem Dilemma die Kirchenführung steckt. Sie hat Angst vor dem Bekanntwerden weiterer abscheulicher Fälle der sexuellen Gewalt von Priestern an Kindern und Jugendlichen, verspielt mit der jetzigen Zensur aber erst recht die dürftigen "Reste" ihrer Glaubwürdigkeit. Das vertieft die Krise der bürgerlichen Ideologie und Kultur insgesamt, weil die Kirche eine wesentliche Säule im kapitalistischen Herrschaftsgefüge ist. "Kirche und Religion waren für die Herrschenden seit jeher auch Hauptstützen für die Aufrechterhaltung der patriarchalen Familienordnung und der besonderen Unterdrückung der Frauen." ("Neue Perspektiven für die Befreiung der Frau - eine Streitschrift", S. 74)

Für diese Aufgabe wird gerade in Deutschland die Kirche vom Staat mit besonderen Privilegien ausgestattet: mit vom ihm eingezogenen Kirchensteuern, mit weitestgehend aus Steuergeldern finanzierten Kindergärten, Schulen, Altenheimen, mit extra Radio- und Fernsehsendungen usw.

Die alte Forderung der Arbeiterbewegung nach der Trennung von Kirche und Staat, nach einer Trennung von Kirche und Schule sowie nach einer Trennung von Kirche und sozialen Diensten muss deshalb heute mit besonderer Dringlichkeit erhoben werden. Die Fälle sexueller Gewalt stoßen auch bei vielen Katholiken auf helle Empörung, die aufrichtig die Forderung nach vollständiger Aufklärung und konsequenter Bestrafung der Täter unterstützen.