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Neue Welle von Massenprotesten in Marokko: "Es geht um das ganze Leben"

11.01.13 - Seit Wochen schwillt eine neue Welle von Massenprotesten in Marokko an und auch heftige Konfrontationen mit dem Staatsapparat können die Kämpfe bislang nicht ersticken. Ein Vertreter der marxistisch-leninistischen Bewegung aus Marokko berichtet der "Roten Fahne":

"Es gab bereits in früheren Jahren Massenkämpfe gegen das reaktionäre Königsregime. 2005 entfaltete sich ein breiter Kampf gegen Preissteigerungen und der König musste diverse Regierungen auswechseln. Aber 2011 schwoll eine gewaltige Bewegung im Zusammenhang mit dem sogenannten 'arabischen Frühling' in Wechselwirkung zur demokratischen Aufstandsbewegung in Tunesien, in Ägypten usw. an.

Bei uns hieß sie die 'Bewegung des 20. Februar 2011' mit regelmäßigen Massendemonstrationen in über 60 Städten des Landes. In einem Wechselbad von massiver Unterdrückung, Verhaftungen von Gewerkschaftern und Massenführern auf der einen und Versprechungen für eine neue Verfassung auf der anderen Seite gelang es dem Regime, die Bewegung wieder zeitweise zurück zu drängen.

Das ändert sich gerade. Die neue Verfassung schanzt dem König noch mehr Rechte als zuvor zu. Die Lage der Massen verschlechtert sich unter der Wirkung der Weltwirtschafts- und Finanzkrise von Tag zu Tag. Bei den Wahlen kam eine islamistische Partei mit Unterstützung der Massenmedien an die Regierung. An zwei Zentren lodern seither die Kämpfe erneut auf. Das ist zu einem in Marrakesh und dort besonders in dem großen, armen Stadtteil Sidi Youssef Ben Ali mit etwa 100.000 Einwohnern. Zum anderen an den Universitäten.

Es durchdringen sich Arbeiterkämpfe mit den Volkskämpfen gegen die Verteuerung des Lebens mit politischen Forderungen für demokratische Freiheiten und gegen die von den Islamisten betriebene besondere Unterdrückung der Frauen. Die Kämpfe der Studenten sind verbunden mit einer breiten Bewegung von arbeitslosen Akademikern, die es massenhaft in Marokko gibt.

Seit Anfang 2012 wurden wöchentliche Demonstrationen organisiert. Am 26.12.2012 ging in Marrakesh die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern vor, schickte schließlich Militär und umzingelte den rebellischen Stadtteil. 70 angebliche Rädelsführer wurden verhaftet. Mittlerweile aber gibt es Demonstrationen in vielen Städten. Die 'Bewegung des 20. Februar 2011' belebt sich wieder und stellt sich als breiter Zusammenschluss an die Spitze. Verhaftete Studenten haben einen Hungerstreik begonnen, um die öffentliche Aufmerksamkeit gegen die Unterdrückung zu lenken. Für den 13. Januar werden im ganzen Land Protestdemonstrationen vorbereitet.

Wir Marxisten-Leninisten wissen, dass wir den Parteiaufbau 'unter dem Feuer des Feindes' beschleunigt voranbringen müssen, um den Kämpfen eine Perspektive zu geben. In der Solidarität mit den politischen Gefangenen, der Unterstützung der Kämpfe und in der gegenseitigen Hilfe beim Parteiaufbau setzen wir auf die ICOR."