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Aysen Tasköprü schreibt an Joachim Gauck

17.02.13 - Noch im November 2012 hatte Bundespräsident Joachim Gauck ein Treffen mit Angehörigen der NSU-Mordopfer abgelehnt. Damals jährte sich zum ersten Mal der Tag, an dem die mordende neofaschistische Terror-Bande endlich aufflog. Die Angehörigen wollten mit Gauck auch besprechen, warum Akten vernichtet und Handydaten von Helfershelfern gelöscht worden waren. In einem Schreiben des Bundespräsidialamts hieß es, man möge von einem solchen Treffen absehen, der Bundespräsident werde aber die weiteren Ermittlungen "mit Interesse verfolgen". Einen staatlichen Trauerakt lehnte Gauck ebenfalls ab. Er scheine ihm "nicht die richtige Form zu sein, um Toter zu gedenken, deren Ermordung schon so lange zurückliegt"(!).

Zahllose sogenannte "Ermittlungs-Pannen", die inzwischen vier Untersuchungsausschüsse beschäftigten, ließen im In- und Ausland die Kritik an den Ermittlungsbehörden nicht abreißen. Ganz offensichtlich wurde die NSU von Beginn an von bestimmten Kräften der Geheimdienste gedeckt und unterstützt. Weil der deutsche Staat davon lebt, im Ausland als antifaschistisch zu gelten, wird an diesem Ruf jetzt fleißig gearbeitet. Sebastian Edathy (SPD), Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses, sicherte vorgestern zum Abschluss einer Türkeireise der internationalen Öffentlichkeit die restlose Aufarbeitung der "rechtsterroristischen Gewalttaten" zu.

Auch Bundespräsident Gauck hat umgedacht und Familienmitglieder der türkischstämmigen Mordopfer für morgen nach Berlin eingeladen. Aysen Tasköprü, die Schwester des in Hamburg von der NSU ermordeten Süleymann Tasköprü, hatte Gauck gebeten, zu dem Gespräch im Bundespräsidialamt ihre Anwältin mitbringen zu dürfen. Erneut kam eine Abfuhr aus dem Büro des Bundespräsidenten: er wolle lediglich ein persönliches Gespräch, keine politische Veranstaltung. Der offene Brief, den Aysen Tasköprü daraufhin an den Bundespräsidenten schrieb, ist ein bewegendes Dokument gegen die bundespräsidiale Heuchelei:

"Sehr geehrter Herr Bundespräsident Gauck, vielen Dank für die Einladung. Ich habe über meine Anwältin gehört, dass Sie nicht wünschen, dass die Rechtsbeistände der Nebenkläger bei dieser Einladung dabei sind. Sie möchten nur ihre Empathie ausdrücken, aber keine Anwälte auf diesem Treffen sehen. Es wäre emphatisch von Ihnen gewesen, nicht darauf zu bestehen, dass ich alleine ins Präsidialamt komme. Ich fühle mich dem nicht gewachsen und werde daher Ihre Einladung nicht annehmen können.

Da Sie ja aber so daran interessiert sind, wie es uns geht, werde ich Ihnen gerne schildern, wie es uns geht. Im Sommer 2001 töteten die Neonazis meinen Bruder. ... Und dann kam der Abend, an dem ich vor dem Fernseher saß und auf einmal das Bekennervideo der NSU gezeigt wurde. Ich habe angefangen zu schreien und konnte nicht wieder aufhören. Da lag mein Bruder in seinem eigenen Blut ... .

Alles, was ich noch möchte, sind Antworten. Wer sind die Leute hinter der NSU? Warum ausgerechnet mein Bruder? Was hatte der deutsche Staat damit zu tun? Wer hat die Akten vernichtet und warum? ... Glauben Sie, es hilft mir, wenn Sie betroffen sind? Ich würde mir wünschen, dass Sie als erster Mann im Staat mir helfen könnten, meine Antworten zu finden. Da helfen aber keine emphatischen Einladungen, da würden nur Taten helfen. Können Sie mir helfen? Wir werden sehen. Mit freundlichen Grüßen."

Am 17. April 2013 beginnt vor dem Oberlandesgericht München der Prozess gegen die NSU-Neofaschistin Beate Zschäpe und vier Mitangeklagte. Bis Mitte Januar 2014 sind 85 Verhandlungstermine angesetzt. Die Bundesanwaltschaft wirft Zschäpe unter anderem Mittäterschaft bei den zehn Morden vor. 64 Angehörige der Mordopfer haben Nebenklage erhoben. Bisher ist offenbar geplant, die Öffentlichkeit weitgehend von dem Prozess auszuschließen: der Platz im Gerichtssaal reiche lediglich für 50 Zuschauer und 50 Medienvertreter.

  • Restlose Aufklärung über die NSU als Terrororganisation der Neofaschisten und darüber, von welchen Kräften des Geheimdienstes sie unterstützt wurde!
  • Sofortiges Verbot aller faschistischen Parteien und Organisationen und ihrer Propaganda ohne Wenn und Aber!
Hier Aysen Tasköprüs Brief in voller Länge