Politik

Starke Zunahme von Schicht- und Nachtarbeit in Deutschland

Starke Zunahme von Schicht- und Nachtarbeit in Deutschland
Zu den Belastungen von Nacht- und Schichtarbeit kommen noch gefährliche Arbeitsstoffe hinzu, wie hier beim MAG-Schweißen (rf-foto)

19.02.13 - Wochenend-, Nacht- und Schichtarbeit nehmen in Deutschland stark zu. Inzwischen arbeitet jeder vierte Beschäftigte ständig oder regelmäßig auch am Wochenende. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Menschen, die samstags und sonntags arbeiten, um 33 Prozent auf knapp neun Millionen gestiegen. Auch Nachtarbeit nahm in dieser Zeit um 46 Prozent und die Schichtarbeit um 24 Prozent zu.

Gerade in der Weltwirtschafts- und Finanzkrise versuchen die Kapitalisten durch Verlängerung des Arbeitstages die Ausbeutung zu steigern. In den modernen Betrieben der internationalisierten Produktion wollen die Monopole die Produktionsanlagen möglichst sieben Tage die Woche und rund um die Uhr auslasten, wofür den Belegschaften unterschiedlichste flexible Arbeitszeitmodelle aufgezwungen wurden.

Ein Kollege von MAN Diesel&Turbo Oberhausen zu "rf-news": "Vor einigen Jahren hat man uns erpresst, entweder dem neuen Schichtmodell zuzustimmen, oder die Produktion von Turbinenschaufeln würde verlagert. Nun arbeiten wir mit Mehrmaschinenbedienung sechs Tage die Woche rund um die Uhr, die Spätschicht endet samstags um 22 Uhr, und wenn du Pech hast, kannst du am Sonntag um 22 Uhr wieder auf Nachtschicht. Samstag ist Regelarbeitstag. Alle drei Wochen ist eine Woche frei, sofern keiner krank ist oder nicht Überstunden gemacht werden müssen. Die in der Metallindustrie üblichen Zuschläge für Samstagsarbeit entfallen, man speist uns mit 78 Euro 'Flexizulage' im Monat ab. Die Schichterei zermürbt dich, Unternehmungen mit Freunden oder Familie sind nur alle drei Wochen möglich." 

Nacht- und Schichtarbeit weiten sich auch in den sozialen Berufen, im Dienstleistungsbereich oder in Bereichen der technischen Intelligenz aus. Discounter wie "Netto" oder "Penny" haben Montag bis Samstag bis 22 Uhr geöffnet, für die überwiegend Teilzeit-Beschäftigten endet der Arbeitstag dann erst gegen 23 Uhr. Online-Versandhändler wie Amazon oder Zalando ermöglichen Bestellungen rund um die Uhr. Dreifache Schicht nimmt in Ingenieurbüros oder Betrieben der IT-Branche rasant zu. 

Mehr als die gesetzlich erlaubten 48 Stunden pro Woche (im Sechsmonats- Durchschnitt) arbeiten offiziell nahezu 2 Millionen Werktätiger, nicht gezählt die Menschen, die sich im Niedriglohnbereich mit mehreren Teilzeitjobs durchs Leben schlagen müssen. Polnische Leiharbeiter, die ein Oberhausener Stahlbaubetrieb in verschiedenen Großbetrieben einsetzt, machen jeden Monat zwischen 230 und 270 Stunden. Haben sie eine Schicht zu Ende, müssen sie oft noch in einem anderen Betrieb weitermachen.

Überstunden, Nacht- und Schichtarbeit machen krank. Viele Schichtarbeiter klagen über Schlafstörungen, Magenbeschwerden, innere Unruhe, psychische Beeinträchtigungen, Magen-Darm- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Der Schlafentzug schwächt das Immunsystem, was das Krebsrisiko erhöht. Das Internationale Krebsforschungszentrum der WHO (Weltgesundheitsorganisation) stufte 2007 nächtlichen Schichtdienst als "wahrscheinlich krebserregend" ein.

Angesichts steigender Arbeitslosenzahlen und angekündigter Massenentlassungen gerade im Ruhrgebiet nimmt die Überarbeitung der noch Beschäftigten zu. Der Kampf gegen die Arbeitsplatzvernichtung muss branchenübergreifend und ruhrgebietsweit geführt werden. Die wichtigste, offensive Forderung im Kampf um jeden Arbeitsplatz ist die nach der 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Ausführlich wird das Thema in der nächsten Ausgabe der "Roten Fahne" behandelt, die am Freitag erscheint (sie kann hier bestellt werden).