Umwelt

Vor zwei Jahren Reaktorkatastrophe in Fukushima

11.03.13 - Heute jährt sich das Reaktorunglück von Fukushima zum zweiten Mal. Es ist die bislang zweitschlimmste Havarie in der Geschichte der Atomkraftwerke (AKW). Die Katastrophe von Fukushima war eine Zäsur, ein Einschnitt in der imperialistischen Atompolitik. In den ersten Monaten nach der Katastrophe entwickelte sich eine Millionen umfassende weltweite Umweltmassenbewegung. Die imperialistische Energiepolitik stürzte in eine tiefe Krise. Allein in Deutschland ging eine Million Menschen auf die Straße und forderten die sofortige Stilllegung aller Atomkraftwerke. 

Die CDU/FDP/CSU-Regierung musste ihre bereits beschlossene weitere Verlängerung der AKW wieder zurücknehmen und weitreichende Zugeständnisse in der Energiepolitik einleiten. Ein wichtiger Erfolg der Massenbewegung. Die MLPD war die erste Partei, die gegen die Desinformation aus Japan die treffende Einschätzung einer eingetretenen Kernschmelze entwickelte. Sie mobilisierte in der Montagsdemo-Bewegung für Massenproteste nur zwei Tage nach dem Unglück. Sie half führend mit Plakaten, Aufklebern, Buttons, Hunderttausenden Flugblättern und 30.000 Massenbroschüren, den Widerstand zu organisieren.

Rund 19.000 Menschen starben im Zusammenhang mit dem durch ein Erdbeben ausgelösten Tsunami in Japan. Der dadurch verursachte Stromausfall löste dann unter anderem die Fukushima-Katastrophe aus.

Seit dem werden die Auswirkungen des Atomunfall heruntergespielt, durch Zensur, politische Unterdrückung von Journalisten und Verbreitung von Lügen und Halbwahrheiten. Zynisch machen sich die Verantwortlichen zu nutzen, dass die radioaktive Verseuchung ihre tödliche und zerstörerische Wirkung erst über Jahre aufbaut, Erbgut dauerhaft schädigt usw.

Bei der Katastrophe wurden große Mengen an radioaktivem Jod-131 freigesetzt, das Schilddrüsenkrebs besonders bei Kindern auslöst. Da es in Fukushima zur Kernschmelze kam, gelangten radioaktive Nuklide wie Cäsium, Strontium und Plutonium in die Umwelt und verbreiten sich über die Atmosphäre und die Meere weltweit.

Dr. Jürgen Seefeldt, Internist aus Paderborn, weist auf die Gefährdung der Menschen auch in Europa und Deutschland hin: Es komme nicht nur zu Leukämien, sondern über die Anhäufung von ca. 15 - 20 Mutationsschritten auch zu Karzinomen und Sarkomen.

Während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Folgen der Reaktorkatastrophe verharmlost und nur von einem "leichten Anstieg von Krebserkrankungen" ausgeht, weist die Organisation "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW)" in einer aktuellen Studie auf eine besorgniserregende Entwicklung hin. Für ganz Japan konnte exakt 9 Monate nach dem nuklearen Unglück eine deutlich erhöhte Säuglingssterblichkeit festgestellt werden. Besonders erschreckend sind die Zahlen von Schilddrüsenzysten bei Kindern. Allein in der Präfektur Fukushima wurden mehr als 55.000 Fälle dieser Krebsvorstufe gemeldet. Das ist nur eine von insgesamt 47 Präfekturen, über die rund 20 Prozent der in die Atmosphäre freigesetzten Radionuklide niederging. (ca. 80% der atmosphärischen Freisetzungen verseuchten das Meer) Insgesamt geht die IPPNW von bis zu 80.000 Krebserkrankungen in Japan auf Grund der Strahlenbelastung aus. Hinzu kommen 37.000 weitere Erkrankungen durch kontaminierte Lebensmittel.

Für die Arbeiter, die seinerzeit in der havarierten Atomanlage tätig waren, liegen keine auswertbaren Daten vor. Aufgrund der Erfahrungen nach Tschernobyl rechnet die IPPNW mit mehr als 17.000 schweren Erkrankungsfällen. Die verantwortlichen Betreiber der AKW wie Tepco oder Hitachi weisen weiterhin jegliche Haftung von sich.

Infolge von Erdbeben, Tsunami und Reaktorunfall verloren mehr als 160.000 Menschen ihr Zuhause, weitere zehntausende flohen aus den verstrahlten Gebieten. Die Situation an den Reaktorblöcken ist weiterhin äußerst gefährlich. Ständig muss Wasser in die Reaktoren geleitet werden, damit die geschmolzenen Kerne abkühlen. Die fachgerechte Entsorgung des verseuchten Wassers ist schwierig. Viele Arbeiten können wegen der gefährlichen Strahlung gar nicht durchgeführt werden. Ein weiteres Beben könnte die Situation in Fukushima wieder verschärfen.

In Japan entwickelt sich nach der Katastrophe eine immer breiter werdende Bewegung zur Stilllegung aller AKW. Am vergangenen Samstag demonstrierten Tausende in Japan gegen die Atompolitik und die Absicht des Premierministers Shinzo Abe, die AKW wieder in Betrieb zu nehmen. Gegen das AKW Grohnde waren am Wochenende 20.000 Menschen auf der Straße, Demonstrationen waren auch in Bayern und Baden Württemberg. Bei einem Protestmarsch zum Atomkraftwerk Neckarwestheim haben 3.000 Menschen am Sonntag die sofortige Stilllegung aller AKW gefordert.

CDU, CSU und FDP stellen sich im Wahlkampf als Energiepreisdrücker hin, als Vertreter der kleinen Leute. "Aber in Wirklichkeit nimmt jedes privat finanzierte Windrad, jede Solaranlage der Atomlobby Macht und Geld." Schon werden aus interessierten Unternehmerkreisen der Ruf nach einer erneuten Laufzeitverlängerungen der deutschen AKW laut. Die Bundesregierung bürgt für den Bau von AKW mit deutscher Technologie in anderen Ländern wie Brasilien.

Die Grünen versuchen, im Bundestagswahlkampf wieder als Umweltpartei zu punkten. Aber sie waren es, die in der Schröder/Fischer-Regierung eine sofortige Abschaltung der AKW hintertrieben haben. Die grüne Partei-Spitze schloss gegen den Willen vieler ihrer Mitglieder den faulen Kompromiss mit der Merkel-Regierung, die AKWs noch zehn Jahre in Deutschland laufen zu lassen.

Auch das zeigt, dass die Umweltbewegung heute eine neue Qualität annehmen muss. Sich ohne Rücksicht auf die Profite der internationalen Monopole,  international zusammenschließen muss. Ihre Aktivitäten koordinieren, ihre Organisiertheit stärken. Die MLPD hat die Umweltpolitik auf ihrem Parteitag Ende letzten Jahres zu ihrer zweitwichtigsten Kampflinie gemacht. In Deutschland fördert sie unter anderem die Initiativen zum Aufbau einer breiten überparteilichen Umweltgewerkschaft, die das allein herrschende internationale Finanzkapital als Hauptverursacher des sich beschleunigenden Umschlags in die globale Umweltkatastrophe ins Visier nimmt. Die MLPD bringt in die Strategiediskussion der Umweltbewegung ihren Standpunkt ein, dass die kapitalistische Profitwirtschaft durch eine internationale Revolution beseitigt werden muss, wenn die Menschheit nicht in einer Umweltkatastrophe zugrunde gehen soll.

Am heutigen Montag legen viele Montagsdemonstrationen in den Innenstädten einen Schwerpunkt auf den Fukushima Jahrestag.