Betrieb und Gewerkschaft

Kämpferische Warnstreiks bei der Bahn mit bundesweiten Auswirkungen

Kämpferische Warnstreiks bei der Bahn mit bundesweiten Auswirkungen
Streikende Eisenbahner in Magdeburg

18.03.13 - Mit mehrstündigen Warnstreiks unter anderem in Stellwerken und Instandsetzungsbetrieben haben Beschäftigte der Bahn heute den Zugverkehr in Deutschland teilweise zum Erliegen gebracht. In vielen Regionen gab es Zugausfälle und Verspätungen. Betroffen waren sowohl der Fernverkehr wie der Nahverkehr. An den Aktionen beteiligten sich Beschäftigte verschiedener Berufsgruppen wie Fahrdienstleiter, Zugbegleiter, Zugbereitsteller und Reinigungskräfte, die in der Eisenbahner- und Verkehrs-Gewerkschaft (EVG) organisiert sind. Sie ist im November 2010 aus der Fusion der früheren Bahn-Gewerkschaften GDBA sowie Transnet entstanden und gehört dem DGB an. Mit den Warnstreiks sollte die Tarifforderung von 6,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt unterstrichen werden.

Erhard Mattes, EVG-Geschäftsstellenleiter aus Dortmund, dazu gegenüber "rf-news": "Das bisherige Angebot der Bahn von 2,0 und 2,4 Prozent - verteilt auf zwei Jahre - ist nicht hinnehmbar, zumal hiervon die Reinigungs- und Servicekräfte auch nur die Hälfte bekommen sollen. Heute morgen haben wir nach zwei ergebnislos verlaufenen Verhandlungen ein Signal gesetzt. In Dortmund haben wir ein Stellwerk lahmgelegt, welches vor allem auf den Regionalverkehr große Auswirkungen hatte. Bei den Mitgliederversammlungen und auch in der Tarifkommission waren wir überrascht von der Stimmung in der Mitgliedschaft. Hier waren auch zweistellige Tarifforderungen im Gespräch. Für uns ist das eine Verpflichtung, den berechtigten Wunsch unserer Mitglieder nach einem höheren Lohn durchzukämpfen, notfalls auch mit einem tariflichen Streik, wenn sich bei der Bahn nichts bewegt."

Ein Korrespondent berichtet aus Hamburg: "In den zwei ICE-Betriebsstätten Eidelstedt und Langenfeld wurde heute morgen die Arbeit niedergelegt. In Eidelstedt zogen rund 80 Kollegen für eine Kundgebung vors Tor. Die Stimmung war kämpferisch und im Zentrum des Protests stand das Angebot der Bahn und wie sie es wagen können, nach so einem Rekordergebnis wie im letzten Jahr die Kollegen mit so einem Mickerangebot abzuspeisen."

In Magdeburg sagte EVG-Geschäftsstellenleiter Jürgen Geidies zu unserem Korrespondenten: "Wir bestreiken verschiedene Stellwerke und den Rangierbahnhof Rothensee. Es sind nur wenig Streikende, das reicht aber bei der modernen Technik aus. Die Kollegen sind sauer. Im Süden von Sachsen-Anhalt sind wieder Strecken an private Bahnbetreiber vergeben worden. Die Bahn verlangt, dass für die Beschäftigten von DB Services der kommende Tarifabschluss halbiert wird. Bei DB Services ist das Reinigungspersonal und der Wachschutz angestellt, die verdienen sowieso am wenigsten. Gegen diese Schlechterstellung wehren wir uns."

Er berichtet über die Zeit nach der Wiedervereinigung und den seitherigen Gewerkschaftsaufbau: "Verschiedene Zulagen und Tarife sind nie im Osten angekommen. Das macht für einen Beschäftigten in einer Werkstatt 300 Euro im Monat aus. Nach der Wende sind Zehntausende Bahnbeschäftigte in den Westen gegangen. Die Belegschaft wurde hier sehr ausgedünnt. Manche kommen jetzt zurück. Wir setzen uns jetzt für einen internationalen Lokführerschein ein. Damit Tarife und Ruhezeiten europaweit angeglichen werden."

Der Korrespondent berichtet weiter: "Fünf Gewerkschafter der EVG sprechen im Magdeburger Hauptbahnhof mit den Reisenden. Ein junger Mann meint 'Unverschämtheit'. Ein anderer argumentiert mit 'Forderung ist viel zu hoch', lässt sich jedoch von den Streikenden umstimmen. Die meisten haben doch Verständnis und ärgern sich vor allem darüber, dass im Internet viele Züge noch als pünktlich angekündigt waren. Dafür können aber die Streikenden nichts. Beim Frühstück hören wir im Radio des MDR, na klar: 'Die Bahnreisenden waren verärgert.' Nur zwei Äußerungen dieser Art wurden gesendet."

Leider steht der wachsenden Kampfbereitschaft der Bahn-Beschäftigten noch eine Zersplitterung der gewerkschaftlichen Kampfkraft gegenüber. So sind neben den 210.000 EVG-Mitgliedern (außer Eisenbahnern auch Servicekräfte, Busfahrer und Binnenschiffer) 20.000 Lokführer in der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) organisiert. Sie hat in den letzten Jahren immer wieder kämpferische Streiks organisiert und im Juli 2012 eine Lohnerhöhung von 3,8 Prozent durchgesetzt. Umso bedeutender ist, dass nun auch die DGB-Gewerkschaft EVG mit ihren kämpferischen Warnstreiks ein wichtiges Zeichen für gleichzeitig laufende und beginnende Tarifauseinandersetzungen in anderen Bereichen setzt.