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Massenproteste und Polizeigewalt in Istanbul

Massenproteste und Polizeigewalt in Istanbul
Proteste in Istanbul

01.06.13 - Seit Tagen gibt es in der türkischen Stadt Istanbul Massenproteste. Der Protest entzündete sich gegen die Errichtung eines Einkaufszentrums im Gezi-Park neben dem Taksim-Platz. Für das Einkaufszentrum sollen in der von der Bevölkerung viel genutzten Parkanlage rund 600 Bäume gefällt werden. Aber in dieser Auseinandersetzung schlägt sich auch die wachsende Ablehnung der islamisch-konservativen AKP-Regierung nieder. Es sind die größten Proteste in dieser Form seit Jahren. Die kurdische Nachrichtenagentur "firat-news" berichtet von Zehntausenden auf den Straßen.

Süleman Gürcan von der "Föderation der Arbeiter aus der Türkei in Deutschland" (ATIF) steht in Telefonkontakt mit Istanbul. Er erklärte gegenüber "rf-news" zu den Hintergründen: "Man muss wissen, dass der Gezi-Park Teil des symbolträchtigen Taksim-Platzes ist. Dort wurden 1977 bei einer Mai-Demonstration 37 Arbeiterinnen und Arbeiter von der Polizei getötet. Der Umbau des Gezi-Parks hat auch den Zweck, künftige Demonstration auf dem Taksim-Platz zu verhindern. Seit Jahren versucht die AKP-Regierung, die seit 2010 wieder durchgekämpften Mai-Demonstrationen auf dem Taksim-Platz erneut zu unterbinden."

Zum Teil campierten die Widerständler in dem Park und einiges erinnert an den Widerstand gegen das "S21"-Projekt in Stuttgart. Seit Freitagmorgen um fünf Uhr geht die Polizei mit Tränengas, Wasserwerfern und Gewalt gegen den Protest vor. Zelte der Parkbesetzer wurden teilweise niedergebrannt. Es gab zahlreiche Verletzte.

Darauf gab es in der Nacht zum Samstag in verschiedenen Stadtteilen weitere Massenproteste. Vielfach wurde auf Kochtöpfe geschlagen, um alle Anwohner zu mobilisieren. Auch in den Stadtteilen Beyoglu und Besiktas ging die Polizei mit Gewalt gegen die Demonstranten vor. Straßen waren nach Augenzeugen übersäht mit Tränengasgeschossen. Mehrere Demonstranten sollen schwerste Augenverletzungen haben. Zum Teil wurden Blockaden errichtet.

Die Solidarität ist riesig. Anwohner, aber auch viele Hotels, Kioske und Restauarants gewähren vor der Polizei Flüchtenden Unterschlupf. Die Krankenhäuser rund um den Taksimplatz sind voll. Ärzte haben in der Nähe ein Notfallzentrum für Verletzte eingerichtet.  In Ankara, Izmir und vielen anderen Städten gibt es Solidaritätsdemonstrationen.

Süleman Gürcan berichtet auch von Gerüchten, dass es gestern mehrere Tote gegeben habe: "Aber das ist noch nicht bestätigt." Auch in anderen Ländern planen Migranten aus der Türkei Solidarität. Gestern fand bereits eine Aktion auf der Kölner Domplatte statt. Heute sind Aktionen unter anderem in Duisburg und Mannheim geplant.