Betrieb und Gewerkschaft

Weltwirtschaftskrise - bei Siemens ein "verbotenes Wort"

Weltwirtschaftskrise - bei Siemens ein "verbotenes Wort"
Siemens-Schaltwerke Berlin

13.06.13 - "Siemens 2014" ist ein gigantisches Rationalisierungs- und Konzernumbau-Programm. In zwei Jahren sollen so 6 Milliarden Euro zusätzlich aus Belegschaft und Zulieferern heraus gepresst werden – das sind jeden Tag 8,5 Millionen Euro. Um Widerstand möglichst schon im Keim zu ersticken, wird von den Geschäftsleitungen ein systematisches Massenmobbing organisiert. Ein Korrespondent berichtet von der kürzlich stattgefundenen Betriebsversammlung bei Siemens-Schaltwerke Berlin:

"In einem über dreißig minütigen Vortrag der Geschäftsleitung durften wir uns anhören, dass der Konzernumbau die 'unvermeidliche Maßnahme' ist, um uns auf die Neuausrichtung in der Weltwirtschaft einzustellen und die dabei zu erwartenden Schwierigkeiten gemeinsam zu meistern." Dazu gehöre auch, dass in verschiedenen Abteilungen Überstunden und Samstagsarbeit gefahren wird, während zeitgleich hunderte Leiharbeiter und befristete Kollegen kurz vor ihrer Entlassung stehen und weitere 190 Kollegen mit Aufhebungs- und Altersteilzeitverträgen gehen sollen.

Auf einer Betriebsversammlung in Krefeld erzählte die Geschäftsleitung das Gleiche wie in Berlin. Eine Kollegin brachte es auf den Punkt: "Ich weiß, dass jede sachbezogene Diskussion überflüssig ist. Sie reden vom Geschäft, und ich über Menschen ... ."

Der Korrespondent aus Berlin weiter: "Aus Angst vor dem Widerspruch der Kollegen warnte vorsorglich der Betriebsratsvorsitzende vor 'parteipolitischen Redebeiträgen' des Betriebsrats-Mitglieds Felix Weitenhagen. Dem nicht genug, sagte er: 'Auf einer Veranstaltung des Betriebsrats werden wir solche Beiträge eines bestimmten Kollegen nicht mehr zulassen und ihm gegebenenfalls das Wort entziehen.' Großes Raunen und Unverständnis darüber ging ebenso wie Zustimmung verschiedener Kollegen durch die Halle, als Felix Weitenhagen das Wort ergriff.

Er betonte, dass viele Kollegen die Situation im Werk keinesfalls als 'rosige Aussichten' auf die Zukunft, wie von der Geschäftsleitung dargelegt, empfinden, sondern als wachsende Arbeitshetze, ständige Angst um die Arbeitsplätze und vieles mehr. Als er dann den Zusammenhang zu den sinkenden Umsatzzahlen in der Weltwirtschaftskrise herstellen wollte, wurde ihm das Mikrofon abgestellt. Mit breitem Protest und Rufen von Kollegen 'Schaltet das Mikrofon wieder an', wurde die Solidarität entfaltet, ihm aber weiterhin das Rederecht verweigert."

In weiteren Redebeiträgen kritisierten Kollegen den unerträglichen Arbeitsdruck, den Antikommunismus und die undemokratische Unterdrückung. Nach der Betriebsversammlung entfaltete sich im Werk eine Massenkritik an dem Vorgehen der Geschäftsleitung, aber auch an dem undemokratischen Verhalten des Betriebsratsvorsitzenden.

Tagelang war die Frage der Meinungsfreiheit für die Arbeiter und sogar eines gewählten Betriebsrates in der Diskussion. "Die Kolleginnen und Kollegen witzelten über das 'verbotene Wort' Weltwirtschaftskrise", so Betriebsrat Felix Weitenhagen gegenüber "rf-news". Gegen den Wunsch der Geschäftsleitung hat so die Auseinandersetzung  dazu geführt, dass sich umso mehr Kollegen mit den Fragen der Weltwirtschaft- und Finanzkrise befassen.

In der Abteilung von Felix Weitenhagen haben rund 90 Prozent der Kolleginnen und Kollegen einen Brief an den Betriebsratsvorsitzenden unterschrieben. Sie erklären, wir sind "nicht mit ihrem Vorgehen auf der Betriebsversammlung einverstanden" und fordern eine öffentliche Entschuldigung als mindeste Reaktion. Auf eine Antwort von Bernhard Brenner, dem Betriebsratsvorsitzenden, warten sie bis heute vergeblich. Aber damit wollen sie sich nicht abfinden.